17. Dezember 2011

Cafayate - Jujuy

Meine Lieben

Mittags um 13.30 Uhr in Cafayate: Mein Teller ist leer. Ebenso mein Viertli Vino Tinto della Casa. Ich bin beschwipst und geniesse das Alleinsein. Mittlerweile empfinde ich es auch gar nicht mehr als einsam sondern als bereichernd: Ich konzentriere mich viel mehr auf mich selbst und auf mein gesamtes Umfeld. Zudem werden Erinnerungen wach. Und dieser Mittag in Cafayate lässt mich an die Sonntage denken, welche ich mit Tata und meiner Familie in Canobbio verbracht habe: Dolce Vita far niente. Einfach an der Sonne sitzen, Italienische Spezialitäten essen, Weisswein trinken und vor allem nichts tun zu müssen ausser die glitzernde Sonne auf dem Lago Maggiore zu bewundern. Ein Lebensgefühl, was nicht nur ich empfinde, in Cafayate. Entfernt man sich ein bisserl vom Touristentumult rund um die Plaza, sehe ich grauhaarige Herren im Sonntagshemd zum Mittagessen zusammen sitzen und Geschichten austauschen. Vielleicht diskutieren sie auch über Politik? Ich kann sie lachen hören, aber versteh sie nicht. Spielt auch keine Rolle, die Menschen um mich herum sehen zufrieden aus. In diesem Momenten freue ich mich auf das Älter werden...

Den Morgen hatte ich mit Flanieren verbracht und Capuccino trinken, hier gibt es nämlich den schönsten. Ursprünglich wollte ich mit dem Rad zum Rio Colorado fahren, habe mich schlussendlich dagegen entschieden weil die Zeit zu knapp war. Und nach so viel Reisen hab ich nicht mehr das Gefühl, alles gesehen haben zu müssen. Ich geniesse es viel mehr einfach Zeit zu haben. Bis um 15.00 Uhr. Dann ging meine Tour zur Quebrada de Cafayate los, auch genannt Quebrada de las Conchas. Wieder übernahm ich die Übersetzung für ein Englisches Pärchen. So gut es ging zumindest, was es hier alles für wilde Tieren, Insekten und Reptilien geben sollte, verstand ich selbst nicht und gesehen haben wir davon auch keine, abgesehen von Alpakas auf einer kleinen Finca, wo ich mich mit Ziegenkäse und Brot eindeckte. Einerseits um die Bauern da zu unterstützen weil sie von einer grossen Gruppe Touristen neugierig überfallen wurden, anderseits wollte ich den Abend im schönen Hostal bei einem guten Glas Vino Tinto verbringen und dazu zur Abwechslung picknicken. Nein nein, ich werde keine Alkoholikerin, ich lerne zu geniessen... Das tat ich auch während der ganzen Tour durch die Tobel und Schluchten von Cafayate. Eine Guckprobe hatte ich bereits am Vortag auf dem Hinfahrt erhalten, aber der Anblick, der sich mir nun erbot, war absolut traumhaft und unterhaltsam obendrein. In vielen der Gesteine konnte man ohne viel Fantasie ein Gesicht oder das Profil davon erkennen, woanders eine Lokomotive oder die untergehende Titanic. In dieser wundersamen Natur wurde mir klar: Ich liebe Argentinien – und ich werde wiederkommen. Vielleicht mit Papa und Mama, was meint ihr?

Irgendwann spät am Abend ging ich nochmals aus, schliesslich konnte ich Cafayate nicht verlassen ohne das Original Weineis probiert zu haben. Cabernet Savignon schmeckte einmalig und die Frau von dem Erfinder Miranda war mächtig stolz. Wieder zurück im Hostal war ich zu meinem Erstaunen nicht mehr alleine im Dorm. Zwei Porteños, Argentinier aus Buenos Aires, waren angekommen und ich verstand kein Wort, denn sie packten noch mehr „schschschschschs“ in ihre Sätze als die anderen Argentinier, die ich bis anhin kennen gelernt habe. Es stellte sich heraus, dass Soledad (ein irrsinniger Name, nicht?) am nächsten Morgen um 8.30 Uhr ebenso nach Jujuy fuhr und somit taten wir das gemeinsam.

So, und an dieser Stelle muss ich kurz ausholen: In Jujuy war ich nämlich schon mal, allerdings nur Transit als ich von San Pedro de Atacama nach Salta fuhr. Jujuy war mir auch sonst nicht unbekannt, Cecilia ist an diesem Ort gross geworden. Sie war Claudias und meine Nachbarin an der Kanonengasse und danach trafen wir uns immer mal wieder. Nun haben wir uns aber über ein Jahr nicht gesehen, weil sie sich in Österreich verliebt hat. Wie auch immer, ich dachte nicht, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt bei ihrer Familie weilt. Das sah ich erst zwei Tage später auf Facebook als ich ihr Profil besuchte (alter Stalker!) um zu sehen, was sie wohl macht. Schnell war klar, dass ich die 6stündige Fahrt zurück unternehmen werde um Cecilia zu sehen und ihre Familie kennen zu lernen. Am späteren Nachmittag heute genau vor einer Woche kam ich in Jujuy an und nahm ein Taxi zu dem Haus, wo Cecilia wohnte. Es kam mir ein bisschen so vor wie im Film: Erwartungsvoll und neugierig kuckt man aus dem Fenster, vor welchem Haus der Taxifahrer wohl halten würde und siehe da, er tat es vor dem grössten. Klingeling! Die Türe wurde geöffnet. Ohne Zweifel musste dies die Schwester von Cecilia sein. Nach einer herzlichen Begrüssung lernte ich nah dies nah die ganze Familie kennen, bis wir schlussendlich mit dem einen Cousin, Mati, in ein grosses Tal in die Thermalbäder fuhren. Dort aber nicht badeten, sondern einfach die Aussicht genossen und ein streunendes Hündchen auflasen. Eigentlich hoffte Mati, den Besitzer zu finden. Es gab aber keinen und deshalb überliessen wir das Schicksal des süssen, kleinen Dings der dortigen Polizeistation. Zurück im gemütlichen Heim, gab es eine Snackrunde und Mate. So lernte ich dieses intensive Kräutergetränk auch endlich original kennen. Gesehen habe ich bereits viele Personen mit der speziellen Tasse inkl. Trinkhalm in der Hand und Thermoskanne unter dem Arm. Jedoch durfte ich bis anhin noch an keinem dieser Matetrink-Rituale teilhaben. Mittlerweile war es bereits 22.00 Uhr und Cecilia fragte, ob ich Lust hätte sie zu begleiten. Sie gingen kurz ihrer Schwester beim Umzug helfen. Diese zügelte grad ihren Kleiderladen an einen strategisch besseren Ort. Na klar! Im Dunkeln trugen wir also das ganze Mobiliar plus Inventar zum Auto und vom Auto in den geschmacksvoll renovierten, neuen Laden. Kurz nach Mitternacht waren wir wieder zu Hause. Wenn die ganze Familie mithilft, geht das schnell und ist lustig – und ich mag zügeln ja ganz gerne. Jetzt war Nachtessen angesagt: Pizzaplausch! Irgendwann gegen 2.00 Uhr entschieden wir, doch noch auszugehen, einfach was trinken. Und nun muss ich gestehen, dass ich der Schweiz definitiv nicht alle Ehre erwies. Ich bin zwar nicht am Tisch eingeschlafen, musste mir aber echt Mühe geben, dass ich nicht vom Stuhl fiel und der spanischen Konversation einigermassen folgen konnte. Nachdem wir noch die besten Perros Calientes resp. Panchos von Jujuy verzehrt hatten, ging es dann gegen 5.00 Uhr morgens ins Bett. Dort fiel ich sofort in einen erholsam tiefen Schlaf, der bis um 13.00 Uhr dauerte. Kein Problem, am Sonntag wird immer erst spät gegessen und zwar Asado con todo la familia. Keine Ahnung wie viel Kilo Fleisch und Wurst da auf dem Grill lagen, aber es war viel! Wir waren schlussendlich aber auch eine grosse Meute, und alle hatten Platz rund um den riesigen Tisch im Garten. Und das nicht wegen mir, nein, so ist das jeden Sonntag: Ein Käferfest! Am späteren Nachmittag gingen wir das beste Eis von Jujuy kaufen und ich konnte mich wenigsten ein bisschen für die Gastfreundschaft revanchieren. Danach spielten wir so was ähnliches wie Activity, für mich auf Spanisch allerdings schwierig, trotzdem lustig, aber auch anstrengend. Zum Nachtessen gab es nochmals lecker Asado, diesmal bisserl früher als am Vorabend. Mit dem Essen läuft übrigens auf immer der Fernseher. An diesem Abend wurden die Präsidentenwahlen übertragen. Irgendwie kümmerte es aber niemanden sonderlich, dass Cristina Kirchner wiedergewählt wurde. Die Tanzshows à la „DSDS“ waren viel spannender. Ui, und da werden nackte Tatsachen gezeigt, in der Schweiz würde das wohl glatt unter Erotik-Show durchgehen.

So sehr ich es genoss, unter vielen lieben Menschen zu sein, so sehr freute ich mich am nächsten Mittag meine Weiterreise alleine anzutreten und in meine eigene Welt einzutauchen. Es erwartete mich eine über 24-stündige Reise nach Puerto Iguazú. Die dortigen Wasserfälle waren für mich das zweite grosse Ziel, was ich nicht verpassen wollte. So viel vorweg: Zum Glück war ich da!

Ciao Adios Bye

Flavia

13. Dezember 2011

San Pedro de Atacama - Salta

Meine Lieben

Und noch etwas ist beim Reisen ohne Eddie anders: Kaum steigt man aus dem Bus, erhält man verschiedene Flyers von Hotels, die natürlich die besten sind im Ort. Das war bereits in Copacabana so und auch in San Pedro de Atacama. Also kuckten Yumi, Dayne und ich mir das erste Hostal an, was ganz ordentlich war, aber Yumi und ich wollten noch ein zweites als Vergleich. Nachdem ich kurz ein Foto vom Smiley-Kissenbezug gemacht hatte, zogen wir weiter zum Hostal Corvatsch, wo wir uns schlussendlich einnisteten. Das Hostal ist tatsächlich halb schweizerisch und entsprechend stiegen da viele Landesgenossen ab, was ich nicht nur toll fand. So leid es mir tut, aber Schweizerdeutsch gehört nun mal nicht zu den schönsten Sprachen - abgesehen von Bündnerdialekt – und wirkt langsam.

Da weder Yumi noch ich vorhatten, lange in San Pedro de Atacama zu bleiben, buchten wir direkt einen Ausflug zum Valle de la Luna für den späteren Nachmittag. Das Mondtal versprach uns eine Landschaft, die wir auf der Tour von Uyuni hier her noch nicht bewundert haben. Und so war es dann auch: Die Sandhügel und -täler boten uns einen Anblick, den ich nicht so schnell vergessen werde. Genauso wie den Wind, der mir den Sand so sehr an die Beine peitschte, dass es fast schmerzte. Auch die Salzhöhlen waren ein Erlebnis für sich. Nicht zu vergessen der Sonnenuntergang, der allerdings nicht wegen seinen Farben speziell war war, sondern wegen dem Ort wo wir uns befanden: Inmitten der trockensten Wüste der Welt! Speziell für mich war zudem, dass mittlerweile die Sonne erst um 20.00 Uhr unterging.

Zurück im Hotel versuchten wir auf die Schnelle den Sand loszuwerden. Überall hängen Warnsignale, dass man bitte mit dem Wasser sorgfältig umzugehen habe, da dies vor Ort Mangelware ist. So kriegt man beim Duschen fast schon ein schlechtes Gewissen, ich zumindest. Apropos Duschen: Sowohl in Zentralamerika als nun auch in Südamerika ist es verrückt schwierig Duschgel zu finden, denn hier duschen alle mit Seife. Es kann also durchaus sein, dass man in einem riesigen Einkaufszentrum vor einer Wand mit tausend verschiedenen Shampoos steht aber kein einziges Duschgel sichtet. Wenn man danach fragt, wird man gross angekuckt und Badeschaum wird vorgeführt. Nur mit Glück findet man dann eine einzige Flasche Duschgel, meist völlig überteuert, aber die Suche wert.

Nachdem wir also unser Peeling hinter uns hatten, holten wir Dayne im ersten Hostal ab. Für diejenigen, die sich gewundert haben, weshalb ich die Hostalsuche anfänglich ausführte, hier kommt’s: Als ich nämlich an die Türe klopfte, wohinter ich Dayne glaubte, öffnete mir Timo die Türe! Ich wusste zwar, dass er auch da wir, schliesslich hatten wir uns auch auf der Salar-Tour zwischendurch gesehen. Trotzdem staunte ich nicht schlecht, in San Pedro de Atacama gibt es schliesslich unzählige Übernachtungsmöglichkeiten. Zudem schlief er auf meinem Smiley-Kissen. Leider aber ging es ihm und Lisa magentechnisch nicht hervorragend und so verbrachten wir den Abend nicht wie gehofft gemeinsam.

Während Yumi am nächsten Morgen schon fleissig ihre Weiterreise nach Santiago de Chile buchte, schlief ich erstmals aus. Danach machten wir uns auf die Suche nach einem feinen Restaurant, wo wir hiesige Spezialitäten essen können. Wir wurden fündig, allerdings war es das erste Mal, dass ich etwas schlichtweg nicht mochte und Yumi genauso wenig. Leider konnte ich mir nicht merken wie die Speise hiess, aber es war etwas mit Hackfleisch. Somit sollte dies meiner Geschmacksmeinung nach salzig sein, aber es war zusätzlich mit Früchten und somit süss. Egal, wir hatten ein grosses Glas Wein zum Spülen und verabredeten uns für ein Wiedersehen in Buenos Aires bevor ich Yumi zum Busbahnhof begleitete.

Da wir am Vortag noch nicht viel von San Pedro de Atacama gesehnen hatten, entschied ich mich, eine weitere Nacht zu bleiben und mir einen zweiten Eindruck von diesem Lehmdorf zu machen. Insgesamt sah es aus, als sei es allein für Touristen konstruiert worden: Ein Restaurant nach dem anderen, viele Souvenirladen und Tour-Agencies. Auf der Plaza traf ich auf Elena, eine clevere und natürlich hübsche Russin, die bereits am Vorabend mit uns essen war. Nach Kaffeeplausch vereinbarten wir, am Abend erneut zusammen dinieren zu gehen. Derweil besuchte ich Timo und Lisa, die noch immer kränkend in ihrem Zimmer weilten und kaufte mein Ticket nach Salta für den nächsten Morgen.
Eben an diesem suchte ich zeitig nach Frühstück, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, insbesondere da ich nicht mehr viel chilenische Pesos übrig hatte und mein Lieblinsbäcker an der Plaza auch noch nicht da war. Und dann ging erst noch inmitten der Suche mein Flipflop kaputt und mein Ersatzpaar war beim Rucksack im Cocacola-Lastwagen, wo vorübergehend auf ihn aufgepasst wurde. Somit blieb mir nichts anderes als barfuss durch den Staubsand zu zotteln und aufzupassen, dass ich die Orientierung nicht verlor, denn insbesondere am Morgen, da noch praktisch kein Geschäft offen hatte, sahen alle Lehmhütten gleich aus. Die Blicke, die ich dabei erhielt waren eher seltsame... und ich wurde unfreundlich bedient, aber vielleicht ist der Monsieur auch einfach mit dem falschen Fuss aufgestanden... Pünktlich zurück beim Busterminal - jedoch nur mich Chips-Tüten bewaffnet - traf ich Leon wieder. Mit ihm hatte ich tagsvorher bereits kurz Bekanntschaft gemacht weil er mit Nils unterwegs war, der ein Smiley-Shirt trug – und ich natürlich ein Foto von ihm machte. Die beinahe 10-stündige Fahrt nach Argentinien inkl. Grenzübergang verlief reibungslos und wir erreichten Salta irgendwann nach 20.30 Uhr. Gerne liessen wir uns von einem Hostal überzeugen, was sogar den Taxiservice beinhaltet. Nachdem wir unser Gepäck kurz deponiert hatten, machten wir uns auf den Weg zur Balcarce, dies ist die Restaurant- und Barstrasse von Salta. Da wir deutlich underdressed waren, entschieden wir uns für eine Eisdiele, in der sonst niemand war, die Glaceauswahl jedoch riesig und absolut lecker! Ich glaube, ein so grosses Eis habe ich lange nicht gegessen.

Salta ist ziemlich gross und so war für mich schnell klar, dass ich am nächsten Tag weiterziehen werde. Ich hatte weder Zeit noch Musse diese Stadt kennen zu lernen. Zudem kam ich beim blossen Anblick der vielen Kleidershops am nächsten Morgen in einen total Rausch und eigentlich wollte ich mich dem Shoppingwahn erst in Buenos Aires hingeben – dafür dann so richtig, ich freu mich schon! Somit suchte ich mit Leon, dem Spar-Profi (und ziemlich genau 10 Jahre jünger als ich), kurz ein neues Hostal und ass mit ihm selbstgemachte Sandwiches im Park, wo uns die Tauben alle Krümel direkt von den Füssen pickten. Danach liess ich mich zum Busterminal fahren, von einem knapp 60jährigen Taxifahrer, der pro Tag drei Päckli Zigis raucht. Obwohl er harte Schicksalsschläge erlebte, ist er überzeugt: Das Leben ist so, wie du willst, dass es ist – auf Spanisch tönt das natürlich schöner, aber die Bedeutung bleibt dieselbe. Nichts neues unter der Sonne.

Trotzdem inspiriert bestieg ich den Bus nach Cafayate, einer der besten Weinregionen Argentiniens.

Ciao Adios Bye

Flavia

Salar de Uyuni

Meine Lieben

Backpacker-Reisen ist definitiv anders als mit Eddie. Nicht nur, dass ich mich nun um Abfahrtszeiten kümmern muss, sondern eben auch um den Backpack selbst - an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an meine Mädels und Geschwister! Und meiner ist gross, vor allem seit dem unnötigen Taschenkauf in La Paz. Die Grösse ist aber nicht das eigentliche Problem und ein bisserl Krafttraining schadet mir auch nicht. Viel mehr muss ich nun darauf aufpassen. So habe ich dann auch beim Ticketkauf nach Uyuni gefragt, ob ich für meinen Rucksack einen Coupon erhalten werde? Natürlich, und eine Heizung gibt es auch im Bus. Das nächste Mal frage ich wohl besser, ob die Heizung denn auch funktioniert. Ich habe also bei der Gepäckabgabe kein Zettel gekriegt und der Verfrachter mochte mich Bleichgesicht offensichtlich nicht sonderlich. Dummerweise war dann mein Rucksack ganz zuvorderst eingereiht und als wir kurz nach Abfahrt nochmals anhielten und ich die Gepäcktüre auf- und zugehen hörte, machte ich mir ernsthaft Sorgen. Ich überlegte mir schon plastisch, wie ich am effizientesten ausraste, wenn ich am nächsten Morgen erfahren sollte, dass mein Hab und Gut tatsächlich weg sein sollte. Gleichzeitig realisierte ich, wie unfair es ist, dem Team was zu unterstellen nur weil ich Oruro nicht mochte und doch die eine oder andere Geschichte gehört habe. So habe ich mich für relaxen entschieden und mich erinnert: Es wird alles gut! Und das tat es natürlich auch. In aller Herrgottsfrühe erreichten wir Uyuni und ich nahm glücklich mein Backpack entgegen.

Die Chance bestand, dass wir noch am selben Tag zur Salzwüste aufbrechen konnten und deshalb machten Yumi und ich uns nach einer schnellen Dusche auf die Suche nach dem besten Anbieter. Allerdings waren wir zu früh unterwegs und alle Agenturen hatten noch geschlossen. Also genossen wir als erstes ein reichhaltiges Frühstück im aufwärmenden Sonnenschein. So müsste jeder Tag beginnen! Auch die Gruppe von Spaniern am Nachbartisch schienen den Moment zu geniessen und erzählten uns von der fantastischen Tour, die sie mit Titto als Guide unternommen hatten. Genau in diesem Moment kam dieser vorbei, er suchte nämlich noch zwei Personen für die Tour. Mir war der Mittvierziger auf Anhieb sympathisch und die Referenz der Spanier schien ein sicherer Wert. Yumi hätte eigentlich lieber eine Englische Tour gebucht, schlussendlich nahm sie aber mein Übersetzungsangebot an - eine andere Tour zu wählen in dem unübersichtlichen Angebot war nämlich kein einfaches Unterfangen. Und so starteten wir das Jeep-Abenteuer gemeinsam mit Anna Laura aus Brasilien, Dayne aus Texas sowie Cecile und Roul, einem Paar aus Quebec.

Als erstes begaben wir uns zum Friedhof der Lokomotiven, einem grossen Kletter-Spielplatz für Erwachsene sozusagen. Weiter ging es zum eigentlichen Ziel: El Salar de Uyuni. Diese Salzwüste ist auf 3653 Meter gelegen und 12'106 Quadratkilometer gross, somit ist alles weiss wohin das Auge sieht... Während unser simples Mittagessen vorbereitet wurde, versuchten wir uns in lustigen Perspektive-Fotos. Dafür braucht es ganz schön viel Geduld und für einmal war ich nicht die einzige, die diese nicht aufbrachte. Übernatürlich schön wurde es für mich dann aber erst am Nachmittag beim Besuch der Isla del Pescado oder Incahuasi. Auf dieser Insel mitten in der Salzwüste wachsen grosse Trichoreus-Kakteen und wir genossen eine Aussicht, die unbeschreiblich ist...

Zeitig erreichten wir das simple Salz-Hostal, unser erstes Nachtlager. Nachdem wir kurz unsere Rucksäcke im Dorm deponiert hatten, fuhren wir wieder los um den Sonnenuntergang zu erleben, vom Salar aus. Auf diesem befanden wir uns nämlich noch immer. Da es bereits kühler wurde, animierte uns Titto zu Sprung-Bildern, welche uns allen eine schöne Erinnerung bescherten und definitiv ein lustiger Zeitvertrieb waren. Am nächsten Morgen früh stärkten wir uns und bestiegen erneut den Jeep. An diesem Tag waren Flamingos angesagt. Diese hausen bei verschiedensten nach Schwefel stinkenden Lagunen und essen Plankton mit Shrimps damit sie pink werden. Nicht ganz so pink wie mein Lieblingsauto, aber dennoch ein wunderschönes Bild! Aber gar nicht so einfach festzuhalten. Nebenbei bemerkt, ich glaube, ich habe noch nie so viele Bilder von jemandem gemacht wie von Yumi und geschweige denn von mir selbst. Die Foto-Knips-Geste für Japaner kommt also definitiv nicht von ungefähr... genauso wenig wie die Dankbarkeit. Jedes Mal nämlich hat sie mit ihrem lustigen Akzent „Thank you very much!“ gesagt, eine süsse Maus!

Mein Highlight an diesem Tag war die Laguna Colorada. Wenn man diese selbst nicht gesehen hat, dann ist dies schwierig zu glauben, aber diese wunderschöne Lagune weist eine beinah unnatürlich fantastische Farbkombination auf mit rotem Schwerpunkt, welche durch die vorherrschende Algenart entsteht.å

Ein weiterer, gemütlicher Gruppenabend mit Wein folgte. Es ist immer wieder interessant zu erfahren, wie schnell man sich an neue Leute gewöhnen kann und sich innert kürzester Zeit durch gemeinsame Erlebnisse verbunden fühlt. Trotzdem aber können diese Menschen weder Familie noch Freunde ersetzen. Definitiv aber helfen sie abzulenken und lassen einem wohl fühlen. Interessant zu erfahren fanden wir an diesem Abend auch das bereits 44 Jahre andauernde Liebesglück von Cecil und Roul: Das ältere Paar ging als erstes schlafen und als wir später ins Zimmer stiessen, entdeckten wir die beiden in einem dieser 90cm-Betten in einer Umarmung liegend, schlafend. Allerdings nicht für lange, Yumi schoss nämlich ein Bild von den beiden, mit Flash!

Nach einer kurzen und unruhigen Nacht standen wir um 4.00 Uhr auf um zum Geysirbecken Sol de Manana zu fahren, was dem Namen alle Ehre tat – und auf 4950 Höhenmeter gelegen ist. In der aufkommenden Morgensonne liefen wir vorsichtig fasziniert über die brodelnden Schlamm- und dampfenden Schwefellöcher und liessen es uns trotz klammen Fingern nicht nehmen, ein paar Erinnerungs-Fotos zu schiessen. Skeptisch erreichten wir schlussendlich die Termas de Polques: Bereits am Morgen habe ich auf Anweisung mein Bikini angezogen. Nun aber standen wir in der Kälte auch noch immer über 4000 Höhenmeter und sollten uns ausziehen um in das Hotspring-Becken zu steigen? Die vergnügten Gesichter und der aufsteigende Dampf überzeugten mich schnell und schwupdiwups war ich drin. Wie herrlich war das, ich wollte nicht mehr raus und leider liess sich Titto nicht dazu überreden, uns das Frühstück direkt an den Pool zu bringen. Irgendwann schien die Sonne in ihrer vollen Pracht und wir trauten uns aus dem Becken auszusteigen ohne von Hühnerhaut übersät zu sein. Schnell zogen wir uns um und setzen uns an den leckeren Frühstückstisch. Nachdem wir alle unsere Koordinaten ausgetauscht hatten, stiegen wir ein letztes Mal gemeinsam in den Jeep: Dayne, Yumi und ich wurden an der Grenze nach Chile abgesetzt während Anna Laura, Cecile und Roul wieder zurück nach Uyuni fuhren.

Reich beschenkt betrat ich San Pedro de Atacama: Die Naturwunder rund um den Salar de Uyuni sind etwas vom Schönsten, was ich je gesehen habe!

Ciao Adios Bye

Flavia

9. Dezember 2011

La Paz - Copacabana - Oruro

Meine Lieben

Nochmals von vorne: Die haben mich also tatsächlich reingelassen in Bolivien, obwohl ich mit meinen rot verquollenen Augen sehr verdächtig aussah. Zudem wurde mir bei der Ankunft in La Paz sogleich ein bisschen schwindelig. Einerseits befand ich mich auf über 3600 Höhenmeter, anderseits war die Einfahrt in die Hauptstadt mit dem Minibus sehr eindrucksvoll: Entlang des steilen Abhangs des Tals, worin sich La Paz befindet, schmieden sich kupfern farbige Häuser, die in der Abendsonne glänzten und aussehen als würden sie sogleich runterfallen. Das taten sie natürlich nicht, aber ich fühlte mich willkommen geheissen und dazu aufgefordert, alles in Ruhe anzugehen.

Über meine Tage in La Paz und Copacabana werde ich mich kurz halten, da es meine persönliche Leidenszeit war und ich diese bereits ausreichend ausgeschlachtet habe. Mittlerweile ist meine kleine Welt zum Glück wieder in Ordnung und ich geniesse meine eigene Gesellschaft. Viel mehr möchte ich ein paar wenige Worte zu Bolivien verlieren. Bolivien ist mit 60% das Land, mit dem grössten Anteil an indigenen Einwohnern. Dies lässt sich auch sogleich erkennen: Überall sah ich rotpfausbäckige Frauen mit beneidenswert dicken, schwarzen Zöpfen. Diese werden hinter dem Rücken an den Enden durch dunkle Zotteln zusammengebunden. Obendrauf kommt eine Art Zylinderhut in dunklen Farben, der wie durch Geisterhand immer locker auf dem Kopf sitzt, ohne befestigt zu sein. Ich weiss dies, weil ich beobachtet habe, wie die Frauen den Hut kurz abnehmen, wenn sie zum Beispiel in ein Auto steigen und sich dazu bücken müssen oder wenn sie am Handy sind und sich nachdenklich am Kopf kratzen. Fasziniert haben mich aber vor allem die Faltenröcke. Diese verleihen jeder Frau einen dicken Hintern. Unter uns Reisenden waren dies ein Thema, resp. wir fragten uns, wie grosse die Hinterteile in Wirklichkeit tatsächlich sind. Diese Faltenröcke sind aus Unmengen von Stoff gemacht und meist sind es nicht nur unzählige Falten sondern auch viele Stufen. Man kann sich das Ganze ein bisschen wie einen Tannenbaum vorstellen, eigentlich sogar wie ein Weihnachtsbaum. Bei mir herrschte also doch auch ein bisschen Adventsstimmung, denn oft sind die Röcke aus glitzerndem und glänzendem Material hergestellt. Ich hab sogar welche aus Plastik gesehen, was ganz praktisch ist, da sich die Damen überall hinsetzen, wo sie grad Lust zu haben. So sieht man an allen unmöglichen Orten ein paar Frauen am Boden kauern, sich selbst oder ihre Kinder fütternd. Viele sitzen auch in einem der unzähligen Souvenir-Shops und bieten ihre bunte Ware feil, inkl. Alpaca-Föten. Diese Dinger sind gruselig und werden scheinbar an Pachamama geopfert, an unsere Mutter Erde. In den Strassen von La Paz dienen sie jedoch wohl eher als Touristen-Attraktion und werden kaum gekauft, but who knows...

Kurz erwähnenswert ist meine Fahrt nach Copacabana. Diese dauerte doppelt so lange wie angekündigt - und ich hätte da bereits tscheggen müssen... dazu aber später mehr - weil unser Bus plötzlich von der Strasse abkam und Umwege über Stock und Stein fuhr, bis er stecken blieb. Wenig später mussten wir (nur Touristen) aussteigen und den Bus anschieben damit wir weiter fahren konnten. Ich fand das natürlich aufregend! Irgendwann erfuhren wir auch, weshalb der Bus in der Wildnis war: Wegen Nord-Süd-Territoriums-Besitz-Verteilung (so habe ich dies zumindest verstanden) gab es Proteste. Diese zeichneten sich durch grosse Steine auf den Strassen aus oder Feuer auf Brücken, die dann eben den Verkehr unterbrachen. Ob die ganzen Aktionen erfolgreich sind und Veränderung bewirken, habe ich leider nicht rausgefunden.

Copacabana gibt es übrigens zwei Mal: Das eine ist das „Bikini-Copacabana“ und das andere das „Zwiebelschicht-Copacabana“. Zwei Mal raten in welchem ich war? Auf jeden Fall war ich froh, hatte ich mich in La Paz mit Stulpen, Mütze und North Face Jacke aus Korea warm eingedeckt. Zwischen zwei Hügel am Titicacasee, wo sich das meine Copa befand, war der Ausflug auf die Isla del Sol mein Highlight. Die Aussicht, die sich auf dieser Insel erbot, war schlichtweg atemberaubend. Und auch der Austausch mit Jonas und insbesondere Ria aus St. Gallen war interessant: Ihr war es in Lobitos nämlich auch langweilig - genauso wie Fabiola, nebenbei bemerkt.
Ach und klar, dem Zusammentreffen mit Timo, einem ehemaligen Arbeitskollegen, gehören ein paar Zeilen gewidmet: Er hat gemeinsam mit Lisa, seiner Reisegefährtin, gerade mal eine knappe Stunde in Copa verbracht und just in dieser Zeit hielten wir uns am selben Ort auf und trafen aufeinander. Wenn das kein Zufall ist? Mich hat es gefreut!

Insgesamt bin ich bekanntlich ziemlich planlos unterwegs und gehe meiner Nase nach. Was ich aber von Beginn an wusste: Ich will zum Salar (Salzwüste) de Uyuni! Und zwar mit dem Zug, der nur dienstags und freitags fährt. Scheinbar bietet dieser ein spezielles Erlebnis und fährt jeweils nachmittags von Oruro ab, wodurch man also auch die Landschaft geniessen kann. Oruro tönt Horror, oder? Das war es für mich auch: Ich kam nach einer Tagesreise abends an und machte mich neugierig auf die Suche nach einem leckeren Restaurant. Auch in der Hoffnung, andere Reisende zu finden, welche dieselbe glorreiche Idee hatten wie ich. Abendessen fand ich, aber weit und breit kein anderes Touristengesicht, dafür unglaublich viel Leben auf der Strasse. Richtig auf der Strasse, denn um Verkehrsregeln kümmert sich in Bolivien niemand – abgesehen von den als Zebra verkleideten Menschen, die insbesondere in La Paz, lustig auf das Anhalten bei Rotlicht sensibilisieren. Also diesen Job täte ich als Zwischenlösung auch machen – any suggestions?! Nachdem ich an dem Abend zwei Mal doof angemacht wurde, ging ich bei Zeiten ins Bett. Schliesslich wollte ich am nächsten Morgen pünktlich am Ticketschalter sein um einen dieser begehrten Zugsplätze zu ergattern. Das war ich dann auch, allerdings vergeblich. Ich hätte gerne mein Gesicht gesehen, als mir der unfreundliche Beamte kund tat, dass erst am Sonntag wieder ein Zug startet. Was ich leider nicht kalkuliert hatte: Auch auf Schienen kann man Steine deponieren.

Zu meiner Enttäuschung fuhr erst abends um 21.00 Uhr ein Bus nach Uyuni. Dadurch musste ich einen Tag in diesem Oruro verbringen, einsam und verlassen. Wobei ganz alleine war ich nicht: Im Internetcafé fand ich Unterstützung durch verschiedene Freunde zu Hause (danke euch!). Und da war auch Vladimir, der Handy-Bastler. In seinem Laden fotografierte ich die Smiley-Bälle in den Vitrinen. Er bemerkte wohl, dass ich mich langweilte. Auch gefiel ihm meine Herkunft. Sein Vater und seine Schwester leben in Lausanne. Sein Vater musste vor 38 Jahren wegen seiner politischen Ansicht fliehen und kam nie zurück, die Schwester nahm er mit. Wenn ich mich nicht täusche, versteckte Vladimir genauso wie ich ein paar Tränen und das verband...

Positiv überrascht fand ich schlussendlich gar ein einladendes Restaurant und obwohl ich zwischendurch nicht daran glaubte, verging die Zeit und ich machte mich auf den Weg zum Bus Terminal. Zum meinem Erstaunen stand da gar eine andere Reisende: Yumi fuhr zusammen mit mir nach Uyuni!

Ciao Adios Bye

Flavia

30. November 2011

Wüstenzeit


Meine Lieben

Da freut man sich ewig auf die bevorstehende Reise, zählt Wochen, Tage, irgendwann Stunden und zack ist man mittendrin, geniesst das Unbekannte. Bald schon gewöhnt man sich daran unterwegs zu sein, verwöhnt jeden Tag so zu nehmen wie er kommt, vergisst den Wochentag. Bis ein paar Tage vor Abreise und dann holt einem die Realität ein, aber so richtig. Mich zumindest. Nun bin ich schon seit vier Nächten alleine, nach La Paz nun in Copacabana am Titicacasee. Und genauso lustig wie der Name tönt, ist dieser See wunderschön, höchstgelegen auf 3800 Höhenmeter. Hatte seither schon ein paar nette Gespräche bei Zmorgen, Zmittag, Znacht, aber noch kein Sputnik kennen gelernt. Gut Ding will Weile haben!

Mittlerweile bin ich zum Glück wieder fähig, zusammengefasst und ehrlich von den vergangenen Wochen zu berichten, ohne vor lauer Sehnsucht in meinem Tränenmeer zu ertrinken: Wie bereits erwähnt, waren wir in der faszinierenden Küstenwüste im Norden von Peru unterwegs und sind zwischen verschiedenen Orten gependelt. Unsere erste Nacht verbrachten wir in Mancora. Das ist ein Touristensurferpartyort mit einer Vielfalt an leckeren Restaurants. Die Wellen sind da insbesondere auch für Anfänger wie mich ideal. Einziger Hacken: Das Wasser ist arschkalt! Ok, gegen den Gefriertod kann man was machen und einen Anzug tragen. Wir hatten aber leider nur Shorties dabei. Und der einzige Wetsuit, der mir passte, roch so erbärmlich nach Ponyhof und Popcorn, dass ich ihn nur einmal trug, in Lobitos. Just an dem Nachmittag, an dem wir Luca und Alex trafen. Diese Geschichte muss ich nun kurz erläutern: Jason, ein Unic-Kollege, hat mir von seinem Freund Luca geschrieben, der in Bogotà wohnt und den wir für Fragen gerne anschreiben dürfen. Es stellte sich allerdings heraus, dass Luca grad nicht in Bogotà weilte, sondern im Norden von Peru. Ich wollte mich wieder bei ihm melden, sobald wir ebenfalls da angekommen sind. Bevor ich dies jedoch tat, trafen wir zufällig aufeinander: Ich stand leicht frustriert auf einem kleinen Felsvorsprung, kuckte auf die Wellen, fühlte das kalte Wasser an den Füssen, konnte nicht atmen und überlegte, ob ich nun ins Wasser soll oder nicht. Die beiden kuckten ebenfalls den Surfern zu, waren selbst aber bereits im Wasser und hatten ihren Spass. Ahnungslos plauderten wir miteinander und als ich von Maurus und meiner Reiserroute erzählte, meinte Luca: „Ah, tu eres la chica de Jason?“. Yes, I am! Wir verabredeten uns für den nächsten Abend, an dem wir entschieden, alle zusammen zurück nach Mancora zu fahren. So kam auch ich nochmals ins Wasser, aber zum letzten Mal, es war mir einfach zu kalt. Sowieso war es Zeit, uns um das Verkaufen von Eddie zu kümmern. Das stellte sich nämlich schwieriger raus als gedacht: Es gibt da so ein Gesetz, das besagt, dass keine Autos in Peru importiert werden können, die älter sind als fünf Jahre und Eddie hat bereits seinen neunten Geburi gefeiert. Wir machten trotzdem eine Annonce im Internet und schrieben ein paar $-Zeichen in den Staub der Heckscheibe. Diese wurden von Kids überall auf Eddie multipliziert, während ich mir im Spital von Mancora die Ohren spülen liess. Nun höre ich wieder alles. Auch die vielen Anrufe, die wir zurück in Lobitos von den vielen Interessenten erhalten haben. Wir vertrösteten alle auf später, weil wir erstmals Lobitos für ein paar weitere Tage geniessen wollten. Diesmal nächtigten wir bei Nacho. Bei ihm waren wir bereits bei unserem ersten Aufenthalt zum Pizza essen vorbei gegangen, auf Empfehlung von Thoeme. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Dich für all seine Tipps! Die Vibes in Nacho’s Hostal sind einzigartig. Die Infrastuktur hingegen gar nicht, insbesondere die der Toiletten. In Lobitos ist dies aber auch nicht weiter erstaunlich, denn es ist total abgelegen und beherbergt gar eine Geisterstadt. Zu tun gibt es da aber abgesehen vom Surfen und Kiten nicht wirklich viel und so habe ich mich dem Lesen gewidmet und selbstverständlich Facebook (wenn das Internet funktionierte) und Mirjam aus Venezuela, deren Freund Pedro mit Maurus in aller Herrgottsfrühe ins Wasser sprang – während wir seelenruhig weiterschliefen. Natürlich habe ich zwischendurch gemötzelt weil ich mich ehrlicherweise manchmal langweilte und dachte, ich verpasse was - obwohl ich alle Highlights in Peru bereits vor ziemlich genau zehn Jahren während drei Wochen bereist habe und ich nun somit eine andere Seite des Landes erlebte. Jajaja, jawohl, die Sonne scheint nicht immer, auch auf Reisen nicht. Da ist man an neuen Orten, fernab von zu Hause und sollte glücklich sein, meinte ich. Zu verwöhnt und gewöhnt zu kriegen was man will, wenn man’s dann weiss. Schlussendlich wussten Maurus und ich von Anfang an, dass wir Kompromisse eingehen werden, beide taten wir es – ich mehr als er und er wird das Gegenteil behaupten, hahaha. Alles ist ein Prozess und wenn ich zurück blicke, sehe ich fünf intensive, gemeinsame Monate, die wir insgesamt lachend miteinander erlebt haben. Ich glaube, wir sind aneinander gewachsen - und zusammen weitergezogen, mitten durch die Pampa. Eigentlich dachte ich ja immer, Pampa ist ein schweizerdeutsches Wort für Pampa, nun habe ich aber realisiert, dass Pampa das spanische Wort für Pampa ist. Und da gibt es tatsächlich nichts - nichts als Sand, der über die Strasse weht.

In Chiclayo wartete Louis auf uns, ein knapp 20-jähriger Student, der sich auf den ersten Blick in Eddie verliebte (ist ja auch ein Hübscher und der Türcode bringt alle um den Verstand!). Er verbrachte wohl einige schlaflose Nächte um herauszufinden, wie er Eddie nun doch legal legalisieren könnte. Auch wir machten nochmals einen Effort und stellten uns dumm auf dem Ministerio del Transporte in Piura, kamen leider aber nicht weiter. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und das tat sie: Der Angestellte im Hotel in Pacasmayo war ebenso interessiert, Eddie zu einem Schnäppchenpreis zu kaufen und rief seinen Cousin auf dem Verkehrsamt an. Dieser bestätigte ihm, dass man auch mit viel Ceviche nichts bewirken kann. Ceviche ist eigentlich ein typisches, rohes Fischgericht aus Peru, mit Limetten und Zwiebeln, lecker, vor allem mit Crevetten. Wir verwendeten es aber auch als Codewort für Schmiergeld. Als wir kürzlich angehalten wurden, weil wir ausnahmsweise kurz ohne Licht fuhren - wohlgemerkt bei Tageslicht - verzichtete der Polizist auf eine Busse, wollte dafür aber Geld um mit seinen Kollegen Ceviche essen zu gehen. Der Cousin meinte, in Lima können wir es versuchen, da seien die Chancen am höchsten. Wir entschlossen uns dagegen, denn ein sympathischer und äusserst charismatischer Interessent ist uns im Kopf geblieben: Nacho. Er hat uns schon bei unserem ersten Treffen sein Angebot unterbreitet. Allerdings dachten wir damals noch, dass wir es bestimmt schaffen werden, unsere Reise nicht ganz so teuer werden zu lassen. Als der Eddie-Deal klar war und wir den „Verlust“ verdaut hatten, genossen wir die letzen Tage in Pacasmayo, was ein kleines herziges Städtchen ist und Maurus nochmals ein paar richtig gute Surf- und Kite-Sessions in den Wellen schenkte. Ich schlief derweil aus und frühstückte ausgiebig. Neben Pacasmayo befindet sich die archäologische Stätte „Dos Cabezas“. Diese Pyramiden besuchten wir eines Nachmittags, bei wildem Wind und waren nicht sonderlich fasziniert. Wohl fehlten uns ein paar Informationen darüber, aber da war niemand, der sie uns hätte geben können. Pacasmayo ist auch ein guter Ausgangspunkt um an den Represa Gallito Ciego zu kommen. Das ist ein Stausee, der immer Wind bietet, egal bei welchem Wetter. Ohne Wellen, so dass auch ich hätte kiten können. Aber die Sonne schien nicht und so hielt ich es wie beim Snowboarden: Wenn es nicht warm ist, bleibe ich lieber im Schermen und geniesse die Landschaft und die Ziegen, welche durch Maurus hervorragend nachgeahmt wurden. Da es in dieser Gegend keine Übernachtungsmöglichkeiten gab, fuhren wir nach Pacasmayo zurück und liessen den Tag mit Eric, Theresa and Phil ausklingen, wie schon am Abend zuvor.

Bevor wir wieder nach Lobitos zu Nacho fuhren, machten wir einen letzten Ausflug weiter in den Süden nach Huanchao. Das ist ein kleiner, hübscher Ort am Meer, bekannt für seine Schilfboote, die sogenannten Caballitos de Totora. Das sind eigentlich die ersten Standup Paddel Boards überhaupt und eine über 2500 Jahre alte Tradition. Da wir den Nachmittag in Chan Chan verbrachten, einer geschichtträchtigen Lehmstadt, und dort von Peruanern mit Begeisterung fotografiert wurden (ich dachte eigentlich, das passiert nur in Borobudur und Prambanan), kamen wir leider zu spät an um die Boote zu testen. Der fantastische Sonnenuntergang entschädigte uns und wir fuhren zufrieden nach Pacasmayo zurück.

Ein bisschen traurig waren wir schon, als wir nach zwei weiteren Tagen in Lobitos – die ich ohne Mötzeln genoss - den Schlüssel an Nacho übergaben. Sein Lachen und seine Freude bestätigten uns definitiv das Richtige getan zu haben: Eddie ist in guten Händen! Wir hoffen nun, dass er dies auch zu schätzen weiss und sich anständig benimmt, wir wollen schliesslich keine Reklamationen.

Mit dem Luxus-Nachtbus, in dem man auf fast 180° schlafen könnte, haben wir die 16-stündige Fahrt nach Lima überwältigt. Nachdem wir uns einen ersten unspektakulären Eindruck von Lima gemacht haben, feierten wir am Abend das Wiedersehen mit Fabiola, Will, Alex und viel Pisco Sour, dem schmackhaften Nationalgetränk. Dementsprechend verpeilt, verbrachten wir unseren letzten gemeinsamen Tag in Lima mit Flanieren, bisserl Shopping, Packen und einem letzten gemeinsamen Abendessen.

Nach nur drei Stunden Schlaf machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Maurus Flug wurde unglaublicherweise von 12.00 auf 7.30 Uhr verschoben. Wer tut denn so was?! Und das war dann eben der Zeitpunkt, an dem mich die bittere Realität brutal einholte. Wobei so schlecht ist die nun auch wieder nicht: Ich sitze in einem Restaurant mit Blick auf den Titicacasee, der übrigens aussieht wie’s Meer weil er so riesig ist, beobachte den Sonnenuntergang und trinke ein Bier. Proscht auf meine Weiterreise!

Ciao Adios Bye

Flavia

21. November 2011

El ombligo del Mundo


Meine Lieben

Ecuador war mir gleich zu Beginn sympathisch. Kaum die Grenze überschritten, fuhren wir durch eine belebte Strasse. Siehe da, dieselben Luftballons, die bereits in Bogotà meinen Tag versüssten, wurden auch hier feil geboten. Mitten im Ballon-Strauss entdeckte ich jedoch ein unbekanntes Smiley-Gesicht, welches ich natürlich mein nennen wollte. Wie immer wenn wir kurz anhalten um nach der Richtung zu fragen, oder eben in diesem Fall, um einen Ballon zu kaufen, ging das Hupkonzert hinter uns los. Eigentlich meinten wir ja, Latinos seien alle schrecklich relaxt. Wenn es jedoch um’s Autofahren geht, hört diese Entspannung auf. Und wenn es sich um die Polizei hinter uns handelt, sowieso. Wie dem auch sei, ich hab meinen Ballon gekriegt und ihn stolz den restlichen Abend in Ibarra vorgeführt. Eigentlich wollten wir ja bis nach Otavalo, was bekannt ist für seinen bunten Markt, aber es war schon wieder spät. So genossen wir Ibarra mit den verschiedensten, nett beleuchteten Plazas. Vom Besitzer unseres Hotels wurden wir aufgeklärt, dass an diesem Abend vieles geschlossen blieb, weil eine Festwoche wegen Allerheiligen herrscht und deshalb alle an den Strand ziehen. Mit einigen von denjenigen, die in der Stadt geblieben sind, haben wir Znacht gegessen. Und zwar in einem ebenerdigen Erkerchen in einem alten Mauerwerk. Von diesen Erkerchen gab es bestimmt 20 nebeneinander und in jedem hatten nur grad sechs Personen Platz, heimelig also und unglaublich günstig.

Am nächsten Morgen sind wir durch beinahe menschenleere Strassen in Richtung Canoa weitergefahren. Natürlich nicht ohne uns vorher mit den obligaten Empanadas einzudecken. Diese meist frittierten Teigtaschen gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen und Füllungen und wir lieben sie heiss.

Der erste Halt war in der Mitte der Welt, en la Mitad del Mundo: In Ecuador befindet sich nämlich das einzige Gebiet weltweit, in dem der Äquator an festen, natürlichen Orientierungspunkten verläuft. Sein restlicher Verlauf geht über Wasser und durch sich ständig verändernde Regenwaldgebiete. Bemerkenswert fand ich, dass bereits vor über 1000 Jahren die Mitte der Welt entdeckt und ein Monument errichtet wurde.

Der zweite Stopp war in Quito, wo wir zu zweit fast ein ganzes Hähnchen verdrückten, sonst aber nur durch die Stadt durchfuhren, stolzerweise auf direktem Weg. Nach dem Essen erwartete uns allerdings eine Nebelstrecke bevor wir die vielen Stelzenhäuser entdeckten. Diese waren nicht wegen dem Wasser so hoch gebaut, sondern wohl wegen Viechern, dies ist aber nur eine unserer Hypothesen und nicht bewiesen.

Da die Fahrt länger dauerte als gedacht, war es bereits wieder dunkel, als wir in Canoa eintrafen. Dies hat sich allerdings gelohnt: Die neue Brücke, die Bahia de Caràquez mit San Vicente verbindet (...über diese Brücke muss man fahren...), ist in der Nacht definitiv und wortwörtlich ein Highlight, fast schon ein bisschen romantisch. Dieses Gefühl war jedoch schnell weg, als wir in Canoa eine erste Runde drehten um ein Hotel zu finden: Feiernde Menschen beinahe überall und alle Zimmer bereits besetzt. Hier weilten also alle Leute, die in Ibarra nicht waren! Nach ein paar ernüchternden Absagen genossen wir erstmals ein Fleischspiess mitten auf der Strasse, mit Bier selbstverständlich. Gestärkt wurden wir schlussendlich auch fündig und gingen nach richtigem Znacht noch auf ein paar Drinks aus. Der Alkoholpegel half dann auch trotz Riesen-Krach schnell einzuschlafen. Damit man sich den Lärmpegel vorstellen kann, ein kleines Beispiel: In allen erdenklichen Ecken wurden Verstärker und Bässe auf Hochtouren gedreht. So vibrierte die Stimmung so sehr, dass bei den rumstehenden Autos die Alarmanlagen losging. Was wiederum zu noch mehr Mais und Durcheinander führte. Insgesamt bot Canoa auf jeden Fall ein Bild, was sich zu sehen gelohnt hat. Trotzdem sind wir am nächsten Morgen weitergezogen. Da Maurus bereits über zwei Wochen kein Brett mehr unter den Füssen hatte, wollte er surfen. Und in Canoa wehte einerseits Onshore Wind, anderseits war der ganze Strand mit Ecuadorianern überfüllt, die trotz Kälte munter badeten. Marc schloss sich uns an. Den Kanadier hatten wir am Abend vorher kennen gelernt und er war ebenso auf Surfkurs. Ayampa war das erste Ziel, allerdings herrschte dieselbe Windsituation, weshalb wir nach lecker Burritos essen wieder aufbrachen. Mittlerweilen fuhren wir durch karge Landschaften, die fast schon an Wüste erinnerten und uns Abwechslung boten. In Montañita angekommen, erwartete uns ein ähnliches Spektakel wie in Canoa, nur mit noch mehr Leute. Maurus verschwand sofort im Wasser, während Marc und ich für Übernachtung sorgten. Ich war erstaunt, einerseits über die Grösse des Strandes, anderseits über die Menge von Hotelmöglichkeiten! Montañita war das bis anhin wohl krasseste Touristennest, in das wir je eingetaucht sind und es war die Hölle los, aber friedlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieser Ort ist, wenn keine nationale Feierwoche herrscht. Sind dann alle Restaurants leer? So viele Backpacker hab ich nämlich nicht gesichtet. Interessant war auch, dass die Preise dank dieser Feiertage verdoppelt bis verdreifacht wurden – ansonsten hatten wir nämlich das Gefühl, Ecuador sei das billigste Land bis anhin.

Den nächsten Morgen nutze ich um einen Streifzug durch die Strassen des Dorfes zu machen und war abermals überrascht über das Angebot. Derweil widmete sich Maurus dem Surfvergnügen, allerdings nicht vollkommen zufriedenstellend. Da er wusste, dass in Peru das Nonplusultra Surf Mekka auf ihn wartet und ich mal wieder einen Platz zum Verweilen finden wollte, war schnell klar, dass der nächste und letzte gemeinsame Grenzübergang ruft! An diesem Tag selbst haben wir es nicht bis nach Peru geschafft und in Naranjal übernachtet. Diese Stadt ist null für Touristen gedacht und so fanden wir grad mal drei Hotels. Zwei davon bereits ausgebucht. Im letzten, was zugleich das freundlichste war, hiess es zuerst auch, es sei alles voll. Aber wie schon so oft, fand sich dann interessanterweise doch noch ein Zimmer auf zweite Anfrage. Danach auf der Suche nach einem Abendessen entdeckten wir ein Konzert auf der Plaza de las Armas. Der Platz war bis auf ein paar Nasen leer, obwohl es Samstagabend war. Klar, es sind ja alle in Canoa und Montañita, dachten wir. In der Nacht allerdings hörten wir vergnügten Partylärm und mussten einmal mehr erkennen, dass wir noch immer keine Ahnung haben: Um 20.00 Uhr ist logo tote Hose, das Fest ging erst später so richtig los! Interessanterweise waren am nächsten Morgen früh die Strassen dennoch schon richtig belebt und wir konnten ganze Familienscharen beobachten, wie sie frisch geschniegelt in schönster Kleiderpracht in Richtung Kirche zogen. Und auch wir machten uns von dannen. Um ein praktisch leeres Zollgebäude zu betreten, super beschriftet. Wir freuten uns schon, so einfach war’s noch nie! Leider aber war das Auto-Office geschlossen, weil Sonntag. Zusammen mit dieser Info liessen uns die Herren wissen, dass wir nicht einreisen können, wenn der Autoausweis nicht auf unseren Namen lautet, und das tut er nicht. Wie auch immer, wir fuhren also zum anderen Zoll. Bis heute ist uns nicht klar, wie die beiden Grenzübergänge zusammen spielen, aber wichtig ist, dass wir schlussendlich ohne Probleme und durch eine bunte Einkaufsstrasse einreisen konnten.

Hier sind wir nun, im Land der Inkas und geniessen unsere letzten gemeinsamen Tage.

Ciao Adios Bye

Flavia

18. November 2011

Quasi Transit


Meine Lieben

Mittlerweile sind wir in der peruanischen Wüste angekommen, bereits seit über einer Woche - ja, es gibt viel zu erzählen, aber eins nach dem anderen. Der Weg hierhin war auf jeden Fall alles andere als wüst: Nachdem wir nördlich von Cartagena vergeblich nach einem hidden Kitespot gesucht und nebenbei eine weitere Seite von Kolumbien entdeckt haben, sind wir am nächsten Morgen nach fünf Tagen in der abwechslungsreichen und farbenfrohen Kolonialstadt weitergezogen, in Richtung Süden mit dem Ziel Medellín. Vorbei an atemberaubenden, saftig satten Landschaften. Unzählige, bunte Häuschen zierten die Berg- und Talfahrt, und praktisch vor jedem konnten wir einen Augenblick Leben beobachten: Spielende Kinder, knurrende Hunde, Wäsche aufhängende Mamas, rauchende Herren... Am liebsten hätte ich mich dazugesellt. Aber irgendwie geht das ja auch nicht, nicht weil ich nicht mehr rauche, sondern weil ich’s als unhöflich und aufdringlich empfinde – typisch schweizerisch noch immer. Aber ich find das ist, wie wenn man in Schwamendingen an beliebige Türe klopft um Einblick in ein Arbeiterleben zu erhalten. So habe ich mich mit dem Versuch vergnügt, diese Momentaufnahmen mit dem Fotoapparat festzuhalten. Gar kein einfaches Unterfangen und mit Enttäuschung musste ich vor allem unscharfe Bilder in Kauf nehmen. Unterhaltsam war’s trotzdem und ich war froh, sass Maurus am Steuer. So konnte ich einerseits meine volle Aufmerksamkeit der Umgebung widmen und anderseits war das Fahren anspruchsvoll und nicht selten wurde ich im breiten, bequemen Eddie-Sitz von links nach rechts geschleudert. Seit unserem Auffahrunfall in Costa Rica bin ich zudem viel schreckhafter und so musste Maurus aufpassen, dass er sich durch mein Gekreische nicht ablenken liess und ins Tobel fuhr. Spannend war auch die Autowaschstrasse: In dieser Gegend scheint wegen dem grossen Fluss kein Wassermangel zu herrschen und so liegt alle paar Meter ein Schlauch kopfüber, der mit hohem Druck einen grossen Wasserstrahl in die Höhe befördert. Zwischendurch sahen wir Menschen an der Arbeit, aber verglichen mit der Anzahl Schläuche, wurden wenige Gefährte gewaschen und das Geschäft schien nicht so zu blühen wie die Landschaft, die sich uns in ihrer vollen Pracht zeigte. Wir waren hin und weg und uns einig, dass dies wohl die schönste Fahrt bis anhin war.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Valdivia, wo wir mit vielen Lastwagenfahrern das Hotel teilten. Der Ort versprach eine perfekte Aussicht auf das fantastische Tal bei Tageslicht. Leider erwartete uns am nächsten Morgen eine dicke Nebeldecke, die alles düster und beinah unheimlich scheinen liess. Die Menschen um uns herum waren jedoch so herzlich und freundlich (wie übrigens überall in Kolumbien), dass sich dieses Gefühl schnell verflüchtigte. Genauso wie der Nebel. Zum Vorschein kamen erneut die schönsten Naturbilder und gegen Mittag dann auch die für uns typischen Bachsteinhäuser von Medellín. Im Barrio Poblado  resp. in der Touristen und Party Zona Rosa stellten wir Eddie für teures Geld ab. Mitten im Geschehen suchten wir uns ein Hotel aus, schliesslich war Halloween-Freitag! Von der neuen Strassenbahn liessen wir uns ebenso stolz wie alle mitfahrenden Kolumbianer ins Zentrum fahren, wo wir uns rumwatschelnd einen Eindruck machten, von den vielen extra für Halloween verkleideten Orten und Menschen. Inspiriert kauften wir uns Masken und Perücken. Zurück in der Zona Rosa stillten wir direkt unseren Hunger um dann erschöpft ins Hotel zu kehren, mit dem Ziel uns aufzubrezeln. Unsere Flipflops und Maurus’ kurze Hose waren nämlich bereits während des Abendessens nicht wirklich auf Anklang gestossen. Allerdings sind wir eingenickt und wurden erst mitten in der Nacht durch johlende Partywillige im Regenschauer geweckt. Raus oder nicht? Umdrehen und weiterschlafen, schliesslich erwartete uns Bogotàs Nachtleben am nächsten Tag! Das dachten wir zumindest. Und waren davon nach wie vor überzeugt, als wir mal wieder in der Dunkelheit – die Pause im grünen Canoning Park hat länger gedauert als geplant - von verschiedenen Hostals abgewiesen wurden, weil sie bereits voll waren. Also quartierten wir uns erneut in einer richtig schönen Bleibe ein, mit kuscheligen Decken und heisser Dusche. Ramon, der clevere Architekturstudent an der Rezeption, klärte uns sogleich nicht nur über das schwierige Bildungssystem von Kolumbien auf (Schule ist nicht obligatorisch und studieren massiv teuer), sondern auch über die laufenden Bürgermeisterwahlen. Zwar hatten wir überall die Alcalde-Plakate gesehen, jedoch war uns nicht bewusst, dass deshalb das ganze Wochenende ein Alkoholverbot herrschte und demnach keine offiziellen Partys stattfinden und Bars ebenso geschlossen bleiben. Ein nettes Abendessen fanden wir trotzdem. Bei Zeiten ins warme Bett kriechen – Bogotà ist nämlich so richtig kalt auf 2600 Höhenmeter - und ein gutes Buch lesen, ist doch auch Luxus. Ebenso wie Ausschlafen on Sunday Morning und danach einfach losziehen und einen Sonntagsausflug auf die Cerro de Montserrat unternehmen, erst noch mit Smiley Ballon, ein bisschen wie Geburtstag sozusagen. Die Aussicht auf die acht Millionen Hauptstadt war grandios und aus lauter Euphorie kaufte Maurus Coca-Blätter, die schrecklich schmecken und null Wirkung zeigen. Trotzdem inspiriert, liessen wir uns von einem überaus netten Taxifahrer in eine weitere Kolonialgegend fahren, die uns Ramon empfohlen hatte. Eine Sonntagsgegend quasi und wir waren erstaunt über das massive Einkaufszentrum, was mitten drin prangte. Natürlich wissen wir von den krassen Gegensätzen und haben diese vielerorts auch schon angetroffen, dennoch find ich es immer wieder überraschend und fast bisserl befremdend. Somit verweilten wir nicht lange und fuhren zurück in die Altstadt um den Abend ausklingen zu lassen - und uns auf der zauberhaft beleuchteten Plaza de Bolivar von einem zahnlosen Alten geschickt ein paar kolumbianische Pesos abknöpfen zu lassen.

Am nächsten Morgen fuhren wir bei herbstlichem Sonnenschein weiter nach Cali. Das erste Stück des Weges führte uns an vielen Häusern mit Swimming Pool vorbei, was mich wiederum verwunderte – jaja, ich bin blauäugig oder meine Erwartungen sind falsch. Genauso wenig wie alle Kolumbianer arm oder Drogendealer sind, sind wir Weisshäutigen Gringos – und trotzdem wurde uns in Cartagena an jeder Ecke irgendwelcher Stoff angeboten und wir werden mittlerweile ständig als solche betitelt. Nun, das Highlight dieser Strecke war auf jeden Fall der Moment, als wir über den Wolken waren und die Freiheit definitiv grenzenlos war...

Im Gegensatz zu den vielen Graffitis in Bogotà empfingen uns in Cali unzähligen Baustellen. Dabei steht Cali eigentlich für die Kraft der Musik resp. Salsa, welche wir leider nicht zu spüren bekamen. Es war Montagabend und scheinbar der Tag, an dem keine Live-Salsa-Shows stattfinden, das wurde uns zumindest glaubhaft versichert. Maurus und ich zeichnen uns irgendwie durch „falsche Zeit, falscher Ort“ aus, dennoch nehmen wir überall mit was wir können, und im Vergleich zum Rekord, der im Mai 2005 aufgestellt wurde, sind wir eigentlich völlig ohne Zeitnot unterwegs: Diese verrückten Deutschen sind in 15 Tagen 11 Stunden und 25 Minuten von Alaska bis nach Feuerland gedüst.

Bevor wir das wunderschöne und unglaublich hilfsbereite Kolumbien wieder verlassen haben, sind wir in eine regelrechte Märchenwelt eingetaucht, so kam sie mir zumindest vor. Um nicht in Pasto zu übernachten, sind wir pünktlich bei Sonnenuntergang am Aussichtspunkt über die Laguna La Cocha angekommen und trauten unseren Augen kaum: Ein fantastisches Lichtspektakel! Damit aber nicht genug, als wir unten im Fischerdorf ankamen, stand da ein buntes Hexen-Häuschem nach dem anderen, die einen konnte man gar nur durch eine gewundene Brücke über den Fluss erreichen. Ich hatte das Gefühl in eine Zauberwelt eingetaucht zu sein, ein bisschen wie Europapark im November, aber ohne verrückten Bahnen und kleiner feiner, aber genauso kalt. Von der Töffli-Gang, die uns für ihre neue Tourismus-Aktion ablichtete (mit Helm und Daumen gegen Himmel), liessen wir uns ein knarrendes Hostal empfehlen, was sich bewährte: Die zurückhaltend lächelnde Besitzerin hat uns die wohl besten Forellen im Dorf, nein in Kolumbien!, aufgetischt. Kurz vor dem Schmaus fanden wir zudem heraus, dass wir nicht die einzigen Besucher in diesem herzigen Dörfli waren. Silvan und Priska waren auch da, sowohl in derselben Unterkunft als auch aus der Schweiz. So verbrachten wir einen lustigen Abend mit wärmenden Himbeer-Aguardiente und Kartenspiel.

Auch wenn es ein bisschen fies ist, möchte ich diese Begebenheit am nächsten Morgen kurz erzählen, Maurus wird’s mir verzeihen: Zerknittert standen wir am nächsten Morgen auf, das Bett war nicht das Bequemste, was wir je hatten. Um dem Tag so richtig hallo zu sagen, trat Maurus auf dem kleinen Balkon nach draussen und schlug sich prompt den Kopf am Türrahmen an. Vor Schreck fiel er rücklings auf den Boden und ich entdeckte ihn wie einen Käfer, fluchend. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert und wir gesellten uns nach unten in die gute Stube. Das Haus war definitiv nicht für grosse Europäer gemacht und somit schlug sich Maurus, der sich darauf trainiert hat zu kucken wohin er läuft, (nochmals) den Kopf am Dach an, als wir in den Frühstücksraum übersiedelten. Diesmal allerdings trug er eine Schramme auf seiner hohen Stirn davon. Die geräucherte Forelle tat ihr bestes und liess uns dennoch gut gelaunt zur Grenze nach Ecuador fahren. Bevor wir diese passierten, fuhren wir jedoch bei Ipiales zum Santuario de la Virgen del Rosario de Las Lajas (copy paste). Diese Kathedrale wurde in eine Schlucht gebaut und innen drin sieht man die Felswand. Ziemlich eindrücklich und von der Pilger-Stimmung vergleichbar mit dem Kloster Einsiedeln.

Während wir unseren mitgebrachten Forellen-Lunch auf einer Bank in Mitten von eben diesen Pilgern verzehrten, wurde Eddie mal wieder gewaschen, mit nur zwei Liter Wasser, aber dennoch glänzend, unser Prachtstück. Gestärkt machten wir uns auf den Weg um die Grenze nach Ecuador nun endlich definitiv zu passieren. Dieser Übergang stellte sich als äusserst einfach und gar kostenlos heraus, wenn auch zeitintensiv da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde. Und es gab nur zwei, inklusiv dem neuen. Also beobachteten wir diejenigen Ecuadorianer, die rausgefischt wurden um ihre in Kolumbien gekauften Waschmaschinen und Flatscreens zu verzollen – und darüber keinesfalls glücklich waren. Kurz vor Sonnenuntergang war der ganze Papier- und zum ersten Mal gar Computerkram erledigt und wir durften einreisen.

Ciao Adios Bye

Flavia

26. Oktober 2011

Anekdoten und so


Meine Lieben

Nach einem weiteren Rundgang durch die abwechslungsreichen Strassen rund um unser Hostel, bin ich wieder am Ausgangspunkt angelangt, in meinem Café mit Blick auf die Calle Media Luna. Maurus ist noch immer nicht da und nun macht’s langsam kein Spass mehr – und ich bin sicher, ihm auch nicht - es ist nämlich bereits 16.00 Uhr. Zeit für das erste Bier und weitere "Reflexion" der vergangenen Tage, es ist ja noch lange nicht alles erzählt - und das wird es auch nie sein.

Die Zeit auf dem kleinen, gemütlichen Segelboot verging unglaublich schnell - obwohl wir nichts zu tun hatten ausser Sünnelen, Essen, Abwaschen, Schnorkeln, Lesen, Dösen und natürlich Quatschen. An das Ungewaschensein (abgesehen von den Meergängen) gewöhnten wir uns rasch, genauso wie an die Toilette, woraus man alles hörte, was darin passierte – somit war sie am häufigsten frequentiert, wenn der Motor lief. Da ich noch nie so braun war in meinem Leben, sah man den Dreck sowieso kaum und wir frönten uns dem Hippie-Leben. Trotzdem waren wir am fünften Tag froh, als wir in der Abenddämmerung die fantastische Skyline von Cartagena erblickten und mit dem Dingie an Land chauffiert wurden. Insbesondere der letzte Tag war dank beachtlichem Wellengang und Sturm nicht nur noch angenehm und ich lag hauptsächlich in unserem Bett oder auf einer Matte auf Deck und hielt die Augen geschlossen, damit mir nicht vollends übel wurde. Auf dem Festland angekommen, schwankten wir noch immer mit der gesamten Sputnik-Gruppe (nach erfolgreichem Geldholen) zu einer Pizzeria. Die anderen blieben eine weitere Nacht auf dem Boot während wir uns eine Dusche und ein normales Bett gönnten, wunderbar.

Am nächsten Tag geschah es, ich verliebte mich in Cartagena und somit wohl auch ein bisschen in Kolumbien! Diese Stadt ist wunderschön und kein Wunder gehört sie zu den Orten mit den meisten Touristen, da jedoch noch immer nicht Hauptsaison herrscht, störten uns diese nicht. Um einen Überblick zu erhalten, entschieden wir uns für eine Sight-Seeing-Tour im roten Double-Decker-Bus (shame on us!) und erlebten einen Aufstand der Touristen-Guides hautnah. Wie wir später von Ronaldino erfuhren, gibt es diese rote Touri-Attraktion erst ein halbes Jahr und nun haben die Guides Angst, dass ihnen die Arbeit weg genommen wird. Nicht ganz unberechtigt, denn unser besagter Bus fuhr nicht die gedruckte Route sondern am Hafen vorbei um eine Gruppe venezuelanischer Cruise-Ship-Touristen abzuholen. Die mischten sich heftig laut in die Situation ein und fielen dabei fast aus dem Bus raus. Maurus und ich staunten nicht schlecht und lernten ein paar neue spanische Fluchwörter. Ein vorbeifahrendes Polizisten-Pärchen wurde herbei gerufen, um das Gezetter und Mordio zu schlichten. Erfolgreich, die Fahrt ging weiter und wir ergötzten uns dem heissen Sonnenschein. Das Ende der Tour bot uns der Sonnenuntergang auf dem Castillo de San Felipe, wo wir aufpassen mussten, dass wir uns nicht in den geheimnisvollen Gängen verirrten. Danach trafen wir unsere Sputniks zum letzten Mal. Bis dahin waren wir nämlich sozusagen illegal in Kolumbien unterwegs: Captain Rengin hatte unsere Pässe beschlagnahmt und nun erhielten wir diese gestempelt wieder, zusammen mit ein paar Mojitos of the Day. Um am nächsten Tag für den historischen Rundgang durch die Altstadt von Cartagena bereit zu sein, machten wir irgendwann einen französischen Abgang. Trotzdem verpassten wir die Tour am nächsten Morgen, erhielten aber am Nachmittag noch eine Chance. Wir hatten bereits am Vortag einiges der Altstadt begutachtet, aber durch Ronaldino erfuhren wir natürlich noch ein bisschen mehr. Mir gefielen die kolonialen Balkone am besten, wovon früher jeweils einmal im Jahr der schönste gekürt wurde. Den Abend liessen wir wie viele andere Reisende im Café del Mar ausklingen, mal wieder bei zauberhaftem Sonnenuntergang. Und dann kam eben der Montag, an dem wir Eddie zurück holten, wir hatten ihn tatsächlich ein bisschen vermisst. Und der Arme uns wohl auch, als wir ihn wieder hatten, war seine Batterie aus Erschöpfung alle.

Und da Maurus noch immer nicht erschienen ist und das zweite Bier auf dem Tisch steht, erzähl ich noch eine kleine unwichtige Anekdote, nein gar zwei:

1. Anekdote: Studio F.
Nachdem wir vergangenen Sonntag für Maurus neue FlipFlop geshoppt haben, die seine Füsse bisserl mehr unterstützen sollen resp. seinen Rücken entlasten, erhob ich natürlich ebenso einen Kauf-Anspruch. So gingen wir ins Studio F. Diesen Laden hatte ich bereits in Panama-City gesichtet und gewusst: Das wäre MEIN Laden in Zürich. Kaum drin, ruf ich Maurus irgendsowas in der Art von „Oh, kuck das Gilet!“ zu. Worauf sich eine Dame im Bikini umdreht und meint: „Que bueno, estas de Chile tambien?“ Nein, aus der Schweiz nicht aus Chile, erzähl ich ihr, und ich hätte das Gilet da gemeint. „Ah, el color chilly me gusta tambien!“ war ihre Antwort. Erfolgreich erklärte ich ihr schlussendlich, dass dieses Ding bei uns Gilet hiesse, was sie sehr seltsam fand... Ein lustiger Moment!

2. Anekdote: Taxi Fahrt
Obwohl wir Eddie haben, sind wir bereits verschiedenste Male Taxi gefahren und haben dabei neben Gustavo einige weitere interessante Taxi-Fahrer kennen gelernt, die uns jeweils gerne was über ihr Land oder ihr Leben erzählten. Zum Beispiel am Montag sind wir um Eddie zu kriegen oft Taxi gefahren. Die involvierten Büros, die wir besuchen mussten, um unsern ominösen 11-Punkte-Plan abzuarbeiten, liegen nämlich nicht in Laufweite voneinander entfernt. Natürlich fragte ich mich, wie sie die ganzen Informationen über unsere Eddie-Einreise  bei dem ganzen Papierkrieg in den unterschiedlichsten Büroswieder zusammen kriegen, aber das soll ja nicht meine Sorge sein, meinte Maurus... Eine Fahrt haben wir mit einem älteren, sehr angenehmen Herrn gemacht, der sein Leben sozusagen im Taxi verbracht hatte. Ich wollte ihm Anerkennung für seinen Beruf zeigen und habe ihm erzählt, dass ich gerne Taxi-Fahrerin wäre, wenn ich besser Autofahren könnte. Es sei doch bestimmt spannend, so viele verschiedene Personen an einem Tag kennen zu lernen. Ob er denn auch schon berühmte Persönlichkeiten chauffiert hätte? Und siehe da: Mel Gibson mit seinem Sohn plus Robert de Niro. Pas mal, hm?
...

Genau als ich den oberen Satz beendet habe, ist Maurus zur Türe rein gekommen. Er fand’s tatsächlich auch nimmer lustig und Versicherung haben wir noch immer keine, dafür ein bisschen mehr Geld los, aber Maurus will mir partout nicht sagen wie viel. Dafür können wir jetzt wieder Holperstrassen ohne Probleme passieren. Und dem Sprungfeder-Typen in Panama-City senden wir via Nick eine fette Stinkbombe vorbei, jawohl!!

Und jetzt ist Feierabend. Wir haben uns definitiv ein schickes Nachtessen verdient, man soll den Tag schliesslich nicht vor dem Abend verdammen.

Ciao Adios Bye

Flavia

Blast away!


Meine Lieben

Ich kucke grad auf die verregnete Calle Media Luna in Cartagena, durch die offene Türe eines Cafés: Kolumbianer rennen vorbei, Auto brausen vorüber und ein Drogenabhängiger macht seine Faxen unter dem Hausvordach genau vis-à-vis von mir. Die vergangenen Tage in Cartagena hatten wir allerdings Glück und der Himmel schenkte uns viel Sonnenschein. Nicht so am ersten Tag unseres Segeltörns via San Blas Inseln nach Kolumbien: Als wir nach der ersten Nacht in der Honeymoon Suite - die beste Schlafgelegenheit auf dem Boot wurde uns offiziell zugesprochen, jedoch hatte ich am Anfang schon bisserl ein schlechtes Gewissen da wir mit Abstand am meisten Privatsphäre hatten - aufwachten, hörten wir den Regen auf das Deck prasseln und mussten schnell die Fensterlucken schliessen, ein bisschen Nass war bereits eingedrungen. Eigentlich wäre die Abfahrt auf morgens um 6.00 Uhr geplant gewesen, aber von unserem Captain fehlte jede Spur. Irgendwann kurz vor Mittag erschien Captain Rengin mit prallen Einkaufstüten und wir erhielten als Entschädigung ein zweites Frühstück resp. Mittagessen. Allerdings hatte sie unsere persönlichen Wünsche auf der am Vortag kursierenden Liste vergessen. Irgendwas war schief mit Rengin, aber zum Glück nur am Anfang, danach erwies sie sich als sauberer Captain. Wohl vermisste sie ihren Mann, der sonst mit ihr diese Touren macht und nun gerade in der Türkei weilt. Dafür war Fernando aka Alejandro (Lady Gaga) mit an Board und versorgte uns mit sympathischem Englisch und ausreichend Info. Und auch die fünf Belgier sorgten für Unterhaltung (insbesondere die männliche Fraktion): Dirk aka Spitz (natürlich war er erfreut, als wir ihm die deutsche Bedeutung seines Namens kund taten), Una Nona (er schreibt sich anders, aber so wie er seinen vollen Namen ausspricht, tönt es wie „eine Grossmutter“), Raul aka Wallace, Meike und Yoka aka Anne Engelke. Zudem sorgten drei Party Girls aus Sydney und England für VIP Vibes und Music: Cynthia, Phili und Lissy. Und dank den zwei deutschen Psychologie-Mädels, Anne und Nergiz, mussten Maurus und ich aufpassen was wir sagten, da sie uns verstehen konnten. Was aber auch völlig in Ordnung war, denn wir hatten abgesehen von der anfänglichen Wetterlage nichts zu beklagen. Und auch diese änderte sich am zweiten Tag und wir konnten „unsere“ San Blas Insel bei heissestem Sonnenschein begutachten. Es gibt insgesamt übrigens 365 Inseln, sozusagen eine für jeden Tag. Und die Inseln sind unterschiedlich, deshalb ziehen die Kuna Yala Familien, das sind indigene Einwohner der Inseln, die diese auch autonom verwalten, halbjährlich um, so ist keine der Familien über längere Zeit bevorzugt. Auf „unserer“ Insel führte die Familie gar ein kleines „Restaurant“ mit kaltem Bier. Erstaunt waren wir, als wir abends da waren und die Familien draussen beim Video schauen beobachten konnten, dies auf einem nigelnagelneuen Flatscreen-TV, wieso auch nicht? Lustig und lecker war auch das Krabben und Hummer Hammer-Mittagessen am selben Ort. Danach gingen Maurus und ich auf Schnorkel-Tour. Das Killer Wrack war das Ziel. Die Story dazu ist echt gruselig und bereits im Hostel Captain Jack hörten wir von verschiedenen Seiten davon. Fernando und Rengin haben zusätzlich noch den Rest geliefert. Kurzform: Xavier, ein Spanier, kam Anfang dieses Jahres nach Portobelo und irgendwann tauchte Jean-Pierres vermisster Körper tot im Wasser auf. Alles deutete auf Xavier als Mörder, aber man konnte ihn Mangels an Beweisen nicht überführen. Später dann verschwand auch Dan, dessen Körper nie gefunden wurde. Xavier nahm aber dessen Identität an und fuhr sein Boot. Nun sitzt er im Knast, da er weitere Menschenleben auf dem Gewissen hat. Zum selben Zeitpunkt als wir im Hostel Captain Jack waren, sei scheinbar auch Xaviers Bruder und dessen Geliebte da gewesen. Wenn es der Herr ist, denn wir dann auf den San Blas Inseln wieder trafen, ist das doppelt unheimlich. Wir haben das Boot, was Xavier versenkte, auf jeden Fall gefunden, tauchten aber nicht richtig danach, da die Situation zu schauerlich war. Ein riesiger Rochen (inkl. Stachel war er sicherlich fast zwei Meter lang!) bescherte uns eine willkommene Ablenkung: Sehr imposant wie er zuerst am Boden seine Flügen (oder wie nennt man das?) schweben liess, sanft auf und ab, bevor er gemächlich und majästhetisch davon schwamm. Mir blieb vor Ehrfurcht beinahe der Atem stehen. Ich glaube, diese Begegnung war bis anhin meine eindrücklichste Unterwassererfahrung – abgesehen von den vielen vielen bunten Fischen in Thailand und Malaysia. Und noch etwas hat mich auf unseren drei Tagen San Blas fasziniert: Seesterne! Ich mag mich nicht erinnern, jemals einen gesehen zu haben und da gab es ganz viele davon. Schon interessant, dass diese unbeweglichen Sterne tatsächlich zu den Lebewesen zählen, ich hätte sie spontan als Steine eingestuft.

Unterdessen regnet es nicht mehr und der spastische Kolumbianer von gegenüber ist auch verschwunden. Dafür ist Maurus aufgetaucht, hatte mir schon Sorgen gemacht: Während ich ausschlafen durfte, ist er zu einer Spezialisten-Werkstatt für Sprungfedern gefahren um unsere neuen zu überprüfen, die tönen nämlich nicht ganz normal. Und scheinbar sind sie das auch nicht, sie sind nämlich schon am A... Schön, nicht? Zudem wurde Maurus beim fahrenden Telefonieren von Polizisten erwischt und angehalten. Dabei fanden sie raus, dass wir unversichert rumkurven (für jedes andere Land haben wir eine Versicherung, aber Kolumbien ist nicht dabei). Tja, nach einer halbstündigen Diskussion kam Maurus für drei Desayunos (Frühstücke) wieder los. Jetzt grad ist er mit einem Taxista unterwegs um eine Versicherung zu lösen, wir bleiben ja noch ein bisschen in diesem schönen Land. Tönt anstrengend, ich weiss, aber Maurus machen diese Eddie-Geschichten irgendwie Spass - auf jeden Fall hat er keinen gestressten Eindruck gemacht - und wir erfahren jeweils ja auch was über die entsprechenden Länder und können zudem unser Spanisch einsetzen. Normalerweise will auch ich mir diese Geschichten nicht entgehen lassen, aber heute find ich’s relaxter, schreibend einen Kaffee zu geniessen und mich von den vorbeilaufenden Kolumbianern inspirieren zu lassen – ich erhole mich nämlich noch immer vom Eddie Einlösen, was uns den ganzen Montag gekostet hat.

Mittlerweilen regnet es erneut, der Abhängige hat seinen Platz wieder eingenommen, das Café hat neue Gäste gekriegt und die herzliche Besitzerin lächelt mich immer sofort an, wenn ich sie anschaue. Sein ist relaxt!

Ciao Adios Bye

Flavia

24. Oktober 2011

Captain Jack


Meine Lieben

Das Abenteuer „Eddie verschiffen“ ist noch nicht fertig, resp. grad im vollen Gange. Maurus ist in komplizierter Mission unterwegs während ich im Sicherheitstrakt mit netter Aufsicht schreibe (da wir beide nur Flipflops tragen, darf zu unserem resp. im konkreten Fall meinem Schutz nur jemand in die Hafengegend rein) um die Zeit zu nutzen. Seit dem letzten Eintrag ist ja doch einiges passiert. Unter anderem habe ich 30 Jahre komplettiert, wie man auf Spanisch sagt (cumpleanos). Allerdings nicht mit brausendem Fest wie ich mir dies seit Jahren vorstelle, habe den Tag ja extra auf einen Freitag gelegt. Aber eben, auf Reisen geschieht vieles unerwartet und Flexibilität ist gefragt. So wollten wir also am Donnerstag Eddie in den Container sperren. Alfredo von Barwil gab hilfsbereit alles, jedoch gab es irgendwelche Schwierigkeiten, wodurch wir am nächsten Morgen zurückkehren mussten, und zwar um 8.00 Uhr. Also ging’s im Anbruch der Dunkelheit nach Portobelo, woher die meisten Segeltouristenschiffe nach Panama loslegen und wir wenigstens unsere Überfahrt nach Kolumbien organisieren wollten. Schlussendlich landeten wir bei Captain Jack, dessen Gehilfe Steve uns wissen liess, dass das nächste Schiff erst am Montagmorgen startet. What?? Ich wollte doch auf offener See älter werden! Da Jack mit seinem langjährigen Israelisegelgefährten Vunsh einen Trip zu den San Blas Inseln plante, überredete ich ihn charmant, doch die Rundfahrt ein bisschen zu verlängern und noch kurz nach Kolumbien zu segeln. Zusage! Maurus und ich konnten unser Glück kaum fassen, denn Captain Jack versprach noch mehr Abenteuer, eine gute Küche und alles quasi privat. Am nächsten Morgen standen wir schlaftrunken um 6.00 Uhr auf um rechtzeitig in Colòn zu erscheinen, bei wärmsten Sonnenschein. Die ganze Geschichte sollte nicht länger als zwei Stunden dauern, natürlich aber verbrachten wir den gesamten Vormittag am Hafen und waren erstaunt: Für jede einzelne Handlung ist jemand anderes verantwortlich. Einer kam einzig um das Schloss zu bringen und es am Ende zu schliessen. Arbeitsteilung nennt man das, oder? Da wir uns keine Zeit für ein richtiges Frühstück genommen hatten, knurrte der Magen entsprechend und wir besorgten uns Comida para llevar um uns im Chickenbus zu verköstigen. Danach holte uns der latente Schlafmangel der vergangenen Wochen ein und wir dösten rumpelnd, obwohl die Fahrt höchst unbequem war und nur ein bisschen mehr als eine Stunde dauerte. Durch Regenschauer liefen wir zu Captain Jack hoch und gönnten uns ein zweites Mittagessen. Heitere Stimmung bis wir erfuhren, dass der Motor von Fantasy (dieses Schiff wurde ursprünglich für eine amerikanische TV-Show konstruiert) soeben kaputt ging und dieser sich nicht so schnell reparieren liesse. Somit doch keine Feier auf hoher See. Die Dorms bei Captain Jack waren zwar vernünftig, aber nicht für diesen lang erwarteten Anlass meines 30igsten geeignet. Wir liessen uns zu einem der wenigen Hotels chauffieren, das schmucke Einzelzimmer versprach und einhielt. Im hauseignen Restaurant bestellten wir kurz darauf einen Apéro mit Sonnenuntergang, als einzige Gäste überhaupt. Kaum beim Abendessen angelangt, wurde es dunkel, sehr dunkel! Zack, alle Lichter gingen aus, nicht nur bei uns sondern überall in Portobelo. Als irgendwann klar war, dass der Elektrizitäts-Ausfall andauern wird, erhielten wir romantisches Kerzenlicht. Und so kam es, dass ich an meinem 30. Geburtstag um 20.30 Uhr im Bett lag und erschöpft aber zufrieden einschlief.

Es standen uns also zwei Tage Portobelo bevor, was ein kleiner Hafen ist und nicht wirklich schön – was der Name ja eigentlich voraussetzt. Interessant war es aber dennoch. Erstens fand bald das Fest des „Cristo Negro“ statt, wodurch bereits viele nationale Fromme den Weg nach Portobelo fanden um sich einen Platz zu sichern. Zweitens ist die Karibikküste doch anders: Die Menschen hier sind viel dunkler und haben alle definitiv den Afrikanischen Einfluss. Zudem ist alles viel schmutziger, das Bewusstsein für Entsorgung ist hier noch gar nicht angekommen. Es wird einfach alles da weggeschmissen, wo man gerade konsumiert hat. Zurück im Hostal trauten wir unseren Augen nicht, da stand er wahrhaftig und tatsächlich vor uns: Captain Jack Sparrow in Person (nicht der Captain Jack, den das Hostal gehört, zwei Captain Jacks an einem Ort also). Einer solchen Ausführung sind wir zwar bereits an der Calle Uruguay in Panama-City begegnet, aber gesprochen hatten wir mit dem Jonny Depp Double nicht. Und diese Version aka Jorge wollte mit Maurus Schach spielen. Zwei Mal hat der Verkleidete Maurus souverän Matt gesetzt, definitiv kein Beginner und nicht zu unterschätzen. Ein unterhaltsamer Abend folgte, an dem Jorge plus seine Begleitung Yadira uns ein bisschen aus ihrem Leben in Panama-City erzählten. Am nächsten Morgen war Yadira jedoch verschwunden, mit ihrem „Freund“ durchgebrannt, hiess es. Niedergeschlagen liess uns Jorge wissen, dass der Tag für ein Fotoshooting auf den Hafenmauern vorgesehen war und wer machte denn nun Bilder von ihm? Alle natürlich! Aber nicht mit seiner Kamera und so brachen wir auf um Captain Jack Sparrow (wehe jemand sprach ihn nicht mit seinem ganzen Namen an!) in Portobelo festzuhalten. Wie lustig, insbesondere auch, weil alle dachten, wir hätten ihn engagiert dabei war es genau umgekehrt. Ein freches aber aufgewecktes Mädchen schrie mir gar geradeaus ins Gesicht: „Gringa!“. Das war nicht böse gemeint, aber das erste Mal, dass wir so direkt damit konfrontiert werden. Natürlich liess ich es mir nicht nehmen, die kleine Pippi Langstrumpf in dunkel aufzuklären, dass ich aus der Schweiz bin, was sie hellhörig aufnahm und die hohle Hand wieder einsteckte.

Am späteren Nachmittag war Zeit aufzubrechen, nach Puerto Lindo. Da erwartete uns Captain Rengin und Segelschiff Alice, unser Heim für die nächsten fünf Tage sowie unsere Sputniks, was übrigens Reisegefährte bedeutet. Check-In sollte bereits am Sonntagabend stattfinden, da wir am Montagmorgen um 6.00 Uhr losfahren wollten. Sollten und wollten und wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, dann wäre mein Papa nicht nur Millionär, sondern wir hätten nun auch bereits Eddie wieder. Aber das dauert wohl noch ein Weilchen und meine Geduld wird trainiert. Es hat ja immer alles auch eine gute Seite, na?

Ciao Adios Bye

Flavia