Meine Lieben
Ich kucke grad auf die verregnete Calle Media Luna in Cartagena, durch die offene Türe eines Cafés: Kolumbianer rennen vorbei, Auto brausen vorüber und ein Drogenabhängiger macht seine Faxen unter dem Hausvordach genau vis-à-vis von mir. Die vergangenen Tage in Cartagena hatten wir allerdings Glück und der Himmel schenkte uns viel Sonnenschein. Nicht so am ersten Tag unseres Segeltörns via San Blas Inseln nach Kolumbien: Als wir nach der ersten Nacht in der Honeymoon Suite - die beste Schlafgelegenheit auf dem Boot wurde uns offiziell zugesprochen, jedoch hatte ich am Anfang schon bisserl ein schlechtes Gewissen da wir mit Abstand am meisten Privatsphäre hatten - aufwachten, hörten wir den Regen auf das Deck prasseln und mussten schnell die Fensterlucken schliessen, ein bisschen Nass war bereits eingedrungen. Eigentlich wäre die Abfahrt auf morgens um 6.00 Uhr geplant gewesen, aber von unserem Captain fehlte jede Spur. Irgendwann kurz vor Mittag erschien Captain Rengin mit prallen Einkaufstüten und wir erhielten als Entschädigung ein zweites Frühstück resp. Mittagessen. Allerdings hatte sie unsere persönlichen Wünsche auf der am Vortag kursierenden Liste vergessen. Irgendwas war schief mit Rengin, aber zum Glück nur am Anfang, danach erwies sie sich als sauberer Captain. Wohl vermisste sie ihren Mann, der sonst mit ihr diese Touren macht und nun gerade in der Türkei weilt. Dafür war Fernando aka Alejandro (Lady Gaga) mit an Board und versorgte uns mit sympathischem Englisch und ausreichend Info. Und auch die fünf Belgier sorgten für Unterhaltung (insbesondere die männliche Fraktion): Dirk aka Spitz (natürlich war er erfreut, als wir ihm die deutsche Bedeutung seines Namens kund taten), Una Nona (er schreibt sich anders, aber so wie er seinen vollen Namen ausspricht, tönt es wie „eine Grossmutter“), Raul aka Wallace, Meike und Yoka aka Anne Engelke. Zudem sorgten drei Party Girls aus Sydney und England für VIP Vibes und Music: Cynthia, Phili und Lissy. Und dank den zwei deutschen Psychologie-Mädels, Anne und Nergiz, mussten Maurus und ich aufpassen was wir sagten, da sie uns verstehen konnten. Was aber auch völlig in Ordnung war, denn wir hatten abgesehen von der anfänglichen Wetterlage nichts zu beklagen. Und auch diese änderte sich am zweiten Tag und wir konnten „unsere“ San Blas Insel bei heissestem Sonnenschein begutachten. Es gibt insgesamt übrigens 365 Inseln, sozusagen eine für jeden Tag. Und die Inseln sind unterschiedlich, deshalb ziehen die Kuna Yala Familien, das sind indigene Einwohner der Inseln, die diese auch autonom verwalten, halbjährlich um, so ist keine der Familien über längere Zeit bevorzugt. Auf „unserer“ Insel führte die Familie gar ein kleines „Restaurant“ mit kaltem Bier. Erstaunt waren wir, als wir abends da waren und die Familien draussen beim Video schauen beobachten konnten, dies auf einem nigelnagelneuen Flatscreen-TV, wieso auch nicht? Lustig und lecker war auch das Krabben und Hummer Hammer-Mittagessen am selben Ort. Danach gingen Maurus und ich auf Schnorkel-Tour. Das Killer Wrack war das Ziel. Die Story dazu ist echt gruselig und bereits im Hostel Captain Jack hörten wir von verschiedenen Seiten davon. Fernando und Rengin haben zusätzlich noch den Rest geliefert. Kurzform: Xavier, ein Spanier, kam Anfang dieses Jahres nach Portobelo und irgendwann tauchte Jean-Pierres vermisster Körper tot im Wasser auf. Alles deutete auf Xavier als Mörder, aber man konnte ihn Mangels an Beweisen nicht überführen. Später dann verschwand auch Dan, dessen Körper nie gefunden wurde. Xavier nahm aber dessen Identität an und fuhr sein Boot. Nun sitzt er im Knast, da er weitere Menschenleben auf dem Gewissen hat. Zum selben Zeitpunkt als wir im Hostel Captain Jack waren, sei scheinbar auch Xaviers Bruder und dessen Geliebte da gewesen. Wenn es der Herr ist, denn wir dann auf den San Blas Inseln wieder trafen, ist das doppelt unheimlich. Wir haben das Boot, was Xavier versenkte, auf jeden Fall gefunden, tauchten aber nicht richtig danach, da die Situation zu schauerlich war. Ein riesiger Rochen (inkl. Stachel war er sicherlich fast zwei Meter lang!) bescherte uns eine willkommene Ablenkung: Sehr imposant wie er zuerst am Boden seine Flügen (oder wie nennt man das?) schweben liess, sanft auf und ab, bevor er gemächlich und majästhetisch davon schwamm. Mir blieb vor Ehrfurcht beinahe der Atem stehen. Ich glaube, diese Begegnung war bis anhin meine eindrücklichste Unterwassererfahrung – abgesehen von den vielen vielen bunten Fischen in Thailand und Malaysia. Und noch etwas hat mich auf unseren drei Tagen San Blas fasziniert: Seesterne! Ich mag mich nicht erinnern, jemals einen gesehen zu haben und da gab es ganz viele davon. Schon interessant, dass diese unbeweglichen Sterne tatsächlich zu den Lebewesen zählen, ich hätte sie spontan als Steine eingestuft.
Unterdessen regnet es nicht mehr und der spastische Kolumbianer von gegenüber ist auch verschwunden. Dafür ist Maurus aufgetaucht, hatte mir schon Sorgen gemacht: Während ich ausschlafen durfte, ist er zu einer Spezialisten-Werkstatt für Sprungfedern gefahren um unsere neuen zu überprüfen, die tönen nämlich nicht ganz normal. Und scheinbar sind sie das auch nicht, sie sind nämlich schon am A... Schön, nicht? Zudem wurde Maurus beim fahrenden Telefonieren von Polizisten erwischt und angehalten. Dabei fanden sie raus, dass wir unversichert rumkurven (für jedes andere Land haben wir eine Versicherung, aber Kolumbien ist nicht dabei). Tja, nach einer halbstündigen Diskussion kam Maurus für drei Desayunos (Frühstücke) wieder los. Jetzt grad ist er mit einem Taxista unterwegs um eine Versicherung zu lösen, wir bleiben ja noch ein bisschen in diesem schönen Land. Tönt anstrengend, ich weiss, aber Maurus machen diese Eddie-Geschichten irgendwie Spass - auf jeden Fall hat er keinen gestressten Eindruck gemacht - und wir erfahren jeweils ja auch was über die entsprechenden Länder und können zudem unser Spanisch einsetzen. Normalerweise will auch ich mir diese Geschichten nicht entgehen lassen, aber heute find ich’s relaxter, schreibend einen Kaffee zu geniessen und mich von den vorbeilaufenden Kolumbianern inspirieren zu lassen – ich erhole mich nämlich noch immer vom Eddie Einlösen, was uns den ganzen Montag gekostet hat.
Mittlerweilen regnet es erneut, der Abhängige hat seinen Platz wieder eingenommen, das Café hat neue Gäste gekriegt und die herzliche Besitzerin lächelt mich immer sofort an, wenn ich sie anschaue. Sein ist relaxt!
Ciao Adios Bye
Flavia
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