30. November 2011

Wüstenzeit


Meine Lieben

Da freut man sich ewig auf die bevorstehende Reise, zählt Wochen, Tage, irgendwann Stunden und zack ist man mittendrin, geniesst das Unbekannte. Bald schon gewöhnt man sich daran unterwegs zu sein, verwöhnt jeden Tag so zu nehmen wie er kommt, vergisst den Wochentag. Bis ein paar Tage vor Abreise und dann holt einem die Realität ein, aber so richtig. Mich zumindest. Nun bin ich schon seit vier Nächten alleine, nach La Paz nun in Copacabana am Titicacasee. Und genauso lustig wie der Name tönt, ist dieser See wunderschön, höchstgelegen auf 3800 Höhenmeter. Hatte seither schon ein paar nette Gespräche bei Zmorgen, Zmittag, Znacht, aber noch kein Sputnik kennen gelernt. Gut Ding will Weile haben!

Mittlerweile bin ich zum Glück wieder fähig, zusammengefasst und ehrlich von den vergangenen Wochen zu berichten, ohne vor lauer Sehnsucht in meinem Tränenmeer zu ertrinken: Wie bereits erwähnt, waren wir in der faszinierenden Küstenwüste im Norden von Peru unterwegs und sind zwischen verschiedenen Orten gependelt. Unsere erste Nacht verbrachten wir in Mancora. Das ist ein Touristensurferpartyort mit einer Vielfalt an leckeren Restaurants. Die Wellen sind da insbesondere auch für Anfänger wie mich ideal. Einziger Hacken: Das Wasser ist arschkalt! Ok, gegen den Gefriertod kann man was machen und einen Anzug tragen. Wir hatten aber leider nur Shorties dabei. Und der einzige Wetsuit, der mir passte, roch so erbärmlich nach Ponyhof und Popcorn, dass ich ihn nur einmal trug, in Lobitos. Just an dem Nachmittag, an dem wir Luca und Alex trafen. Diese Geschichte muss ich nun kurz erläutern: Jason, ein Unic-Kollege, hat mir von seinem Freund Luca geschrieben, der in Bogotà wohnt und den wir für Fragen gerne anschreiben dürfen. Es stellte sich allerdings heraus, dass Luca grad nicht in Bogotà weilte, sondern im Norden von Peru. Ich wollte mich wieder bei ihm melden, sobald wir ebenfalls da angekommen sind. Bevor ich dies jedoch tat, trafen wir zufällig aufeinander: Ich stand leicht frustriert auf einem kleinen Felsvorsprung, kuckte auf die Wellen, fühlte das kalte Wasser an den Füssen, konnte nicht atmen und überlegte, ob ich nun ins Wasser soll oder nicht. Die beiden kuckten ebenfalls den Surfern zu, waren selbst aber bereits im Wasser und hatten ihren Spass. Ahnungslos plauderten wir miteinander und als ich von Maurus und meiner Reiserroute erzählte, meinte Luca: „Ah, tu eres la chica de Jason?“. Yes, I am! Wir verabredeten uns für den nächsten Abend, an dem wir entschieden, alle zusammen zurück nach Mancora zu fahren. So kam auch ich nochmals ins Wasser, aber zum letzten Mal, es war mir einfach zu kalt. Sowieso war es Zeit, uns um das Verkaufen von Eddie zu kümmern. Das stellte sich nämlich schwieriger raus als gedacht: Es gibt da so ein Gesetz, das besagt, dass keine Autos in Peru importiert werden können, die älter sind als fünf Jahre und Eddie hat bereits seinen neunten Geburi gefeiert. Wir machten trotzdem eine Annonce im Internet und schrieben ein paar $-Zeichen in den Staub der Heckscheibe. Diese wurden von Kids überall auf Eddie multipliziert, während ich mir im Spital von Mancora die Ohren spülen liess. Nun höre ich wieder alles. Auch die vielen Anrufe, die wir zurück in Lobitos von den vielen Interessenten erhalten haben. Wir vertrösteten alle auf später, weil wir erstmals Lobitos für ein paar weitere Tage geniessen wollten. Diesmal nächtigten wir bei Nacho. Bei ihm waren wir bereits bei unserem ersten Aufenthalt zum Pizza essen vorbei gegangen, auf Empfehlung von Thoeme. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Dich für all seine Tipps! Die Vibes in Nacho’s Hostal sind einzigartig. Die Infrastuktur hingegen gar nicht, insbesondere die der Toiletten. In Lobitos ist dies aber auch nicht weiter erstaunlich, denn es ist total abgelegen und beherbergt gar eine Geisterstadt. Zu tun gibt es da aber abgesehen vom Surfen und Kiten nicht wirklich viel und so habe ich mich dem Lesen gewidmet und selbstverständlich Facebook (wenn das Internet funktionierte) und Mirjam aus Venezuela, deren Freund Pedro mit Maurus in aller Herrgottsfrühe ins Wasser sprang – während wir seelenruhig weiterschliefen. Natürlich habe ich zwischendurch gemötzelt weil ich mich ehrlicherweise manchmal langweilte und dachte, ich verpasse was - obwohl ich alle Highlights in Peru bereits vor ziemlich genau zehn Jahren während drei Wochen bereist habe und ich nun somit eine andere Seite des Landes erlebte. Jajaja, jawohl, die Sonne scheint nicht immer, auch auf Reisen nicht. Da ist man an neuen Orten, fernab von zu Hause und sollte glücklich sein, meinte ich. Zu verwöhnt und gewöhnt zu kriegen was man will, wenn man’s dann weiss. Schlussendlich wussten Maurus und ich von Anfang an, dass wir Kompromisse eingehen werden, beide taten wir es – ich mehr als er und er wird das Gegenteil behaupten, hahaha. Alles ist ein Prozess und wenn ich zurück blicke, sehe ich fünf intensive, gemeinsame Monate, die wir insgesamt lachend miteinander erlebt haben. Ich glaube, wir sind aneinander gewachsen - und zusammen weitergezogen, mitten durch die Pampa. Eigentlich dachte ich ja immer, Pampa ist ein schweizerdeutsches Wort für Pampa, nun habe ich aber realisiert, dass Pampa das spanische Wort für Pampa ist. Und da gibt es tatsächlich nichts - nichts als Sand, der über die Strasse weht.

In Chiclayo wartete Louis auf uns, ein knapp 20-jähriger Student, der sich auf den ersten Blick in Eddie verliebte (ist ja auch ein Hübscher und der Türcode bringt alle um den Verstand!). Er verbrachte wohl einige schlaflose Nächte um herauszufinden, wie er Eddie nun doch legal legalisieren könnte. Auch wir machten nochmals einen Effort und stellten uns dumm auf dem Ministerio del Transporte in Piura, kamen leider aber nicht weiter. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und das tat sie: Der Angestellte im Hotel in Pacasmayo war ebenso interessiert, Eddie zu einem Schnäppchenpreis zu kaufen und rief seinen Cousin auf dem Verkehrsamt an. Dieser bestätigte ihm, dass man auch mit viel Ceviche nichts bewirken kann. Ceviche ist eigentlich ein typisches, rohes Fischgericht aus Peru, mit Limetten und Zwiebeln, lecker, vor allem mit Crevetten. Wir verwendeten es aber auch als Codewort für Schmiergeld. Als wir kürzlich angehalten wurden, weil wir ausnahmsweise kurz ohne Licht fuhren - wohlgemerkt bei Tageslicht - verzichtete der Polizist auf eine Busse, wollte dafür aber Geld um mit seinen Kollegen Ceviche essen zu gehen. Der Cousin meinte, in Lima können wir es versuchen, da seien die Chancen am höchsten. Wir entschlossen uns dagegen, denn ein sympathischer und äusserst charismatischer Interessent ist uns im Kopf geblieben: Nacho. Er hat uns schon bei unserem ersten Treffen sein Angebot unterbreitet. Allerdings dachten wir damals noch, dass wir es bestimmt schaffen werden, unsere Reise nicht ganz so teuer werden zu lassen. Als der Eddie-Deal klar war und wir den „Verlust“ verdaut hatten, genossen wir die letzen Tage in Pacasmayo, was ein kleines herziges Städtchen ist und Maurus nochmals ein paar richtig gute Surf- und Kite-Sessions in den Wellen schenkte. Ich schlief derweil aus und frühstückte ausgiebig. Neben Pacasmayo befindet sich die archäologische Stätte „Dos Cabezas“. Diese Pyramiden besuchten wir eines Nachmittags, bei wildem Wind und waren nicht sonderlich fasziniert. Wohl fehlten uns ein paar Informationen darüber, aber da war niemand, der sie uns hätte geben können. Pacasmayo ist auch ein guter Ausgangspunkt um an den Represa Gallito Ciego zu kommen. Das ist ein Stausee, der immer Wind bietet, egal bei welchem Wetter. Ohne Wellen, so dass auch ich hätte kiten können. Aber die Sonne schien nicht und so hielt ich es wie beim Snowboarden: Wenn es nicht warm ist, bleibe ich lieber im Schermen und geniesse die Landschaft und die Ziegen, welche durch Maurus hervorragend nachgeahmt wurden. Da es in dieser Gegend keine Übernachtungsmöglichkeiten gab, fuhren wir nach Pacasmayo zurück und liessen den Tag mit Eric, Theresa and Phil ausklingen, wie schon am Abend zuvor.

Bevor wir wieder nach Lobitos zu Nacho fuhren, machten wir einen letzten Ausflug weiter in den Süden nach Huanchao. Das ist ein kleiner, hübscher Ort am Meer, bekannt für seine Schilfboote, die sogenannten Caballitos de Totora. Das sind eigentlich die ersten Standup Paddel Boards überhaupt und eine über 2500 Jahre alte Tradition. Da wir den Nachmittag in Chan Chan verbrachten, einer geschichtträchtigen Lehmstadt, und dort von Peruanern mit Begeisterung fotografiert wurden (ich dachte eigentlich, das passiert nur in Borobudur und Prambanan), kamen wir leider zu spät an um die Boote zu testen. Der fantastische Sonnenuntergang entschädigte uns und wir fuhren zufrieden nach Pacasmayo zurück.

Ein bisschen traurig waren wir schon, als wir nach zwei weiteren Tagen in Lobitos – die ich ohne Mötzeln genoss - den Schlüssel an Nacho übergaben. Sein Lachen und seine Freude bestätigten uns definitiv das Richtige getan zu haben: Eddie ist in guten Händen! Wir hoffen nun, dass er dies auch zu schätzen weiss und sich anständig benimmt, wir wollen schliesslich keine Reklamationen.

Mit dem Luxus-Nachtbus, in dem man auf fast 180° schlafen könnte, haben wir die 16-stündige Fahrt nach Lima überwältigt. Nachdem wir uns einen ersten unspektakulären Eindruck von Lima gemacht haben, feierten wir am Abend das Wiedersehen mit Fabiola, Will, Alex und viel Pisco Sour, dem schmackhaften Nationalgetränk. Dementsprechend verpeilt, verbrachten wir unseren letzten gemeinsamen Tag in Lima mit Flanieren, bisserl Shopping, Packen und einem letzten gemeinsamen Abendessen.

Nach nur drei Stunden Schlaf machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Maurus Flug wurde unglaublicherweise von 12.00 auf 7.30 Uhr verschoben. Wer tut denn so was?! Und das war dann eben der Zeitpunkt, an dem mich die bittere Realität brutal einholte. Wobei so schlecht ist die nun auch wieder nicht: Ich sitze in einem Restaurant mit Blick auf den Titicacasee, der übrigens aussieht wie’s Meer weil er so riesig ist, beobachte den Sonnenuntergang und trinke ein Bier. Proscht auf meine Weiterreise!

Ciao Adios Bye

Flavia

21. November 2011

El ombligo del Mundo


Meine Lieben

Ecuador war mir gleich zu Beginn sympathisch. Kaum die Grenze überschritten, fuhren wir durch eine belebte Strasse. Siehe da, dieselben Luftballons, die bereits in Bogotà meinen Tag versüssten, wurden auch hier feil geboten. Mitten im Ballon-Strauss entdeckte ich jedoch ein unbekanntes Smiley-Gesicht, welches ich natürlich mein nennen wollte. Wie immer wenn wir kurz anhalten um nach der Richtung zu fragen, oder eben in diesem Fall, um einen Ballon zu kaufen, ging das Hupkonzert hinter uns los. Eigentlich meinten wir ja, Latinos seien alle schrecklich relaxt. Wenn es jedoch um’s Autofahren geht, hört diese Entspannung auf. Und wenn es sich um die Polizei hinter uns handelt, sowieso. Wie dem auch sei, ich hab meinen Ballon gekriegt und ihn stolz den restlichen Abend in Ibarra vorgeführt. Eigentlich wollten wir ja bis nach Otavalo, was bekannt ist für seinen bunten Markt, aber es war schon wieder spät. So genossen wir Ibarra mit den verschiedensten, nett beleuchteten Plazas. Vom Besitzer unseres Hotels wurden wir aufgeklärt, dass an diesem Abend vieles geschlossen blieb, weil eine Festwoche wegen Allerheiligen herrscht und deshalb alle an den Strand ziehen. Mit einigen von denjenigen, die in der Stadt geblieben sind, haben wir Znacht gegessen. Und zwar in einem ebenerdigen Erkerchen in einem alten Mauerwerk. Von diesen Erkerchen gab es bestimmt 20 nebeneinander und in jedem hatten nur grad sechs Personen Platz, heimelig also und unglaublich günstig.

Am nächsten Morgen sind wir durch beinahe menschenleere Strassen in Richtung Canoa weitergefahren. Natürlich nicht ohne uns vorher mit den obligaten Empanadas einzudecken. Diese meist frittierten Teigtaschen gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen und Füllungen und wir lieben sie heiss.

Der erste Halt war in der Mitte der Welt, en la Mitad del Mundo: In Ecuador befindet sich nämlich das einzige Gebiet weltweit, in dem der Äquator an festen, natürlichen Orientierungspunkten verläuft. Sein restlicher Verlauf geht über Wasser und durch sich ständig verändernde Regenwaldgebiete. Bemerkenswert fand ich, dass bereits vor über 1000 Jahren die Mitte der Welt entdeckt und ein Monument errichtet wurde.

Der zweite Stopp war in Quito, wo wir zu zweit fast ein ganzes Hähnchen verdrückten, sonst aber nur durch die Stadt durchfuhren, stolzerweise auf direktem Weg. Nach dem Essen erwartete uns allerdings eine Nebelstrecke bevor wir die vielen Stelzenhäuser entdeckten. Diese waren nicht wegen dem Wasser so hoch gebaut, sondern wohl wegen Viechern, dies ist aber nur eine unserer Hypothesen und nicht bewiesen.

Da die Fahrt länger dauerte als gedacht, war es bereits wieder dunkel, als wir in Canoa eintrafen. Dies hat sich allerdings gelohnt: Die neue Brücke, die Bahia de Caràquez mit San Vicente verbindet (...über diese Brücke muss man fahren...), ist in der Nacht definitiv und wortwörtlich ein Highlight, fast schon ein bisschen romantisch. Dieses Gefühl war jedoch schnell weg, als wir in Canoa eine erste Runde drehten um ein Hotel zu finden: Feiernde Menschen beinahe überall und alle Zimmer bereits besetzt. Hier weilten also alle Leute, die in Ibarra nicht waren! Nach ein paar ernüchternden Absagen genossen wir erstmals ein Fleischspiess mitten auf der Strasse, mit Bier selbstverständlich. Gestärkt wurden wir schlussendlich auch fündig und gingen nach richtigem Znacht noch auf ein paar Drinks aus. Der Alkoholpegel half dann auch trotz Riesen-Krach schnell einzuschlafen. Damit man sich den Lärmpegel vorstellen kann, ein kleines Beispiel: In allen erdenklichen Ecken wurden Verstärker und Bässe auf Hochtouren gedreht. So vibrierte die Stimmung so sehr, dass bei den rumstehenden Autos die Alarmanlagen losging. Was wiederum zu noch mehr Mais und Durcheinander führte. Insgesamt bot Canoa auf jeden Fall ein Bild, was sich zu sehen gelohnt hat. Trotzdem sind wir am nächsten Morgen weitergezogen. Da Maurus bereits über zwei Wochen kein Brett mehr unter den Füssen hatte, wollte er surfen. Und in Canoa wehte einerseits Onshore Wind, anderseits war der ganze Strand mit Ecuadorianern überfüllt, die trotz Kälte munter badeten. Marc schloss sich uns an. Den Kanadier hatten wir am Abend vorher kennen gelernt und er war ebenso auf Surfkurs. Ayampa war das erste Ziel, allerdings herrschte dieselbe Windsituation, weshalb wir nach lecker Burritos essen wieder aufbrachen. Mittlerweilen fuhren wir durch karge Landschaften, die fast schon an Wüste erinnerten und uns Abwechslung boten. In Montañita angekommen, erwartete uns ein ähnliches Spektakel wie in Canoa, nur mit noch mehr Leute. Maurus verschwand sofort im Wasser, während Marc und ich für Übernachtung sorgten. Ich war erstaunt, einerseits über die Grösse des Strandes, anderseits über die Menge von Hotelmöglichkeiten! Montañita war das bis anhin wohl krasseste Touristennest, in das wir je eingetaucht sind und es war die Hölle los, aber friedlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieser Ort ist, wenn keine nationale Feierwoche herrscht. Sind dann alle Restaurants leer? So viele Backpacker hab ich nämlich nicht gesichtet. Interessant war auch, dass die Preise dank dieser Feiertage verdoppelt bis verdreifacht wurden – ansonsten hatten wir nämlich das Gefühl, Ecuador sei das billigste Land bis anhin.

Den nächsten Morgen nutze ich um einen Streifzug durch die Strassen des Dorfes zu machen und war abermals überrascht über das Angebot. Derweil widmete sich Maurus dem Surfvergnügen, allerdings nicht vollkommen zufriedenstellend. Da er wusste, dass in Peru das Nonplusultra Surf Mekka auf ihn wartet und ich mal wieder einen Platz zum Verweilen finden wollte, war schnell klar, dass der nächste und letzte gemeinsame Grenzübergang ruft! An diesem Tag selbst haben wir es nicht bis nach Peru geschafft und in Naranjal übernachtet. Diese Stadt ist null für Touristen gedacht und so fanden wir grad mal drei Hotels. Zwei davon bereits ausgebucht. Im letzten, was zugleich das freundlichste war, hiess es zuerst auch, es sei alles voll. Aber wie schon so oft, fand sich dann interessanterweise doch noch ein Zimmer auf zweite Anfrage. Danach auf der Suche nach einem Abendessen entdeckten wir ein Konzert auf der Plaza de las Armas. Der Platz war bis auf ein paar Nasen leer, obwohl es Samstagabend war. Klar, es sind ja alle in Canoa und Montañita, dachten wir. In der Nacht allerdings hörten wir vergnügten Partylärm und mussten einmal mehr erkennen, dass wir noch immer keine Ahnung haben: Um 20.00 Uhr ist logo tote Hose, das Fest ging erst später so richtig los! Interessanterweise waren am nächsten Morgen früh die Strassen dennoch schon richtig belebt und wir konnten ganze Familienscharen beobachten, wie sie frisch geschniegelt in schönster Kleiderpracht in Richtung Kirche zogen. Und auch wir machten uns von dannen. Um ein praktisch leeres Zollgebäude zu betreten, super beschriftet. Wir freuten uns schon, so einfach war’s noch nie! Leider aber war das Auto-Office geschlossen, weil Sonntag. Zusammen mit dieser Info liessen uns die Herren wissen, dass wir nicht einreisen können, wenn der Autoausweis nicht auf unseren Namen lautet, und das tut er nicht. Wie auch immer, wir fuhren also zum anderen Zoll. Bis heute ist uns nicht klar, wie die beiden Grenzübergänge zusammen spielen, aber wichtig ist, dass wir schlussendlich ohne Probleme und durch eine bunte Einkaufsstrasse einreisen konnten.

Hier sind wir nun, im Land der Inkas und geniessen unsere letzten gemeinsamen Tage.

Ciao Adios Bye

Flavia

18. November 2011

Quasi Transit


Meine Lieben

Mittlerweile sind wir in der peruanischen Wüste angekommen, bereits seit über einer Woche - ja, es gibt viel zu erzählen, aber eins nach dem anderen. Der Weg hierhin war auf jeden Fall alles andere als wüst: Nachdem wir nördlich von Cartagena vergeblich nach einem hidden Kitespot gesucht und nebenbei eine weitere Seite von Kolumbien entdeckt haben, sind wir am nächsten Morgen nach fünf Tagen in der abwechslungsreichen und farbenfrohen Kolonialstadt weitergezogen, in Richtung Süden mit dem Ziel Medellín. Vorbei an atemberaubenden, saftig satten Landschaften. Unzählige, bunte Häuschen zierten die Berg- und Talfahrt, und praktisch vor jedem konnten wir einen Augenblick Leben beobachten: Spielende Kinder, knurrende Hunde, Wäsche aufhängende Mamas, rauchende Herren... Am liebsten hätte ich mich dazugesellt. Aber irgendwie geht das ja auch nicht, nicht weil ich nicht mehr rauche, sondern weil ich’s als unhöflich und aufdringlich empfinde – typisch schweizerisch noch immer. Aber ich find das ist, wie wenn man in Schwamendingen an beliebige Türe klopft um Einblick in ein Arbeiterleben zu erhalten. So habe ich mich mit dem Versuch vergnügt, diese Momentaufnahmen mit dem Fotoapparat festzuhalten. Gar kein einfaches Unterfangen und mit Enttäuschung musste ich vor allem unscharfe Bilder in Kauf nehmen. Unterhaltsam war’s trotzdem und ich war froh, sass Maurus am Steuer. So konnte ich einerseits meine volle Aufmerksamkeit der Umgebung widmen und anderseits war das Fahren anspruchsvoll und nicht selten wurde ich im breiten, bequemen Eddie-Sitz von links nach rechts geschleudert. Seit unserem Auffahrunfall in Costa Rica bin ich zudem viel schreckhafter und so musste Maurus aufpassen, dass er sich durch mein Gekreische nicht ablenken liess und ins Tobel fuhr. Spannend war auch die Autowaschstrasse: In dieser Gegend scheint wegen dem grossen Fluss kein Wassermangel zu herrschen und so liegt alle paar Meter ein Schlauch kopfüber, der mit hohem Druck einen grossen Wasserstrahl in die Höhe befördert. Zwischendurch sahen wir Menschen an der Arbeit, aber verglichen mit der Anzahl Schläuche, wurden wenige Gefährte gewaschen und das Geschäft schien nicht so zu blühen wie die Landschaft, die sich uns in ihrer vollen Pracht zeigte. Wir waren hin und weg und uns einig, dass dies wohl die schönste Fahrt bis anhin war.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Valdivia, wo wir mit vielen Lastwagenfahrern das Hotel teilten. Der Ort versprach eine perfekte Aussicht auf das fantastische Tal bei Tageslicht. Leider erwartete uns am nächsten Morgen eine dicke Nebeldecke, die alles düster und beinah unheimlich scheinen liess. Die Menschen um uns herum waren jedoch so herzlich und freundlich (wie übrigens überall in Kolumbien), dass sich dieses Gefühl schnell verflüchtigte. Genauso wie der Nebel. Zum Vorschein kamen erneut die schönsten Naturbilder und gegen Mittag dann auch die für uns typischen Bachsteinhäuser von Medellín. Im Barrio Poblado  resp. in der Touristen und Party Zona Rosa stellten wir Eddie für teures Geld ab. Mitten im Geschehen suchten wir uns ein Hotel aus, schliesslich war Halloween-Freitag! Von der neuen Strassenbahn liessen wir uns ebenso stolz wie alle mitfahrenden Kolumbianer ins Zentrum fahren, wo wir uns rumwatschelnd einen Eindruck machten, von den vielen extra für Halloween verkleideten Orten und Menschen. Inspiriert kauften wir uns Masken und Perücken. Zurück in der Zona Rosa stillten wir direkt unseren Hunger um dann erschöpft ins Hotel zu kehren, mit dem Ziel uns aufzubrezeln. Unsere Flipflops und Maurus’ kurze Hose waren nämlich bereits während des Abendessens nicht wirklich auf Anklang gestossen. Allerdings sind wir eingenickt und wurden erst mitten in der Nacht durch johlende Partywillige im Regenschauer geweckt. Raus oder nicht? Umdrehen und weiterschlafen, schliesslich erwartete uns Bogotàs Nachtleben am nächsten Tag! Das dachten wir zumindest. Und waren davon nach wie vor überzeugt, als wir mal wieder in der Dunkelheit – die Pause im grünen Canoning Park hat länger gedauert als geplant - von verschiedenen Hostals abgewiesen wurden, weil sie bereits voll waren. Also quartierten wir uns erneut in einer richtig schönen Bleibe ein, mit kuscheligen Decken und heisser Dusche. Ramon, der clevere Architekturstudent an der Rezeption, klärte uns sogleich nicht nur über das schwierige Bildungssystem von Kolumbien auf (Schule ist nicht obligatorisch und studieren massiv teuer), sondern auch über die laufenden Bürgermeisterwahlen. Zwar hatten wir überall die Alcalde-Plakate gesehen, jedoch war uns nicht bewusst, dass deshalb das ganze Wochenende ein Alkoholverbot herrschte und demnach keine offiziellen Partys stattfinden und Bars ebenso geschlossen bleiben. Ein nettes Abendessen fanden wir trotzdem. Bei Zeiten ins warme Bett kriechen – Bogotà ist nämlich so richtig kalt auf 2600 Höhenmeter - und ein gutes Buch lesen, ist doch auch Luxus. Ebenso wie Ausschlafen on Sunday Morning und danach einfach losziehen und einen Sonntagsausflug auf die Cerro de Montserrat unternehmen, erst noch mit Smiley Ballon, ein bisschen wie Geburtstag sozusagen. Die Aussicht auf die acht Millionen Hauptstadt war grandios und aus lauter Euphorie kaufte Maurus Coca-Blätter, die schrecklich schmecken und null Wirkung zeigen. Trotzdem inspiriert, liessen wir uns von einem überaus netten Taxifahrer in eine weitere Kolonialgegend fahren, die uns Ramon empfohlen hatte. Eine Sonntagsgegend quasi und wir waren erstaunt über das massive Einkaufszentrum, was mitten drin prangte. Natürlich wissen wir von den krassen Gegensätzen und haben diese vielerorts auch schon angetroffen, dennoch find ich es immer wieder überraschend und fast bisserl befremdend. Somit verweilten wir nicht lange und fuhren zurück in die Altstadt um den Abend ausklingen zu lassen - und uns auf der zauberhaft beleuchteten Plaza de Bolivar von einem zahnlosen Alten geschickt ein paar kolumbianische Pesos abknöpfen zu lassen.

Am nächsten Morgen fuhren wir bei herbstlichem Sonnenschein weiter nach Cali. Das erste Stück des Weges führte uns an vielen Häusern mit Swimming Pool vorbei, was mich wiederum verwunderte – jaja, ich bin blauäugig oder meine Erwartungen sind falsch. Genauso wenig wie alle Kolumbianer arm oder Drogendealer sind, sind wir Weisshäutigen Gringos – und trotzdem wurde uns in Cartagena an jeder Ecke irgendwelcher Stoff angeboten und wir werden mittlerweile ständig als solche betitelt. Nun, das Highlight dieser Strecke war auf jeden Fall der Moment, als wir über den Wolken waren und die Freiheit definitiv grenzenlos war...

Im Gegensatz zu den vielen Graffitis in Bogotà empfingen uns in Cali unzähligen Baustellen. Dabei steht Cali eigentlich für die Kraft der Musik resp. Salsa, welche wir leider nicht zu spüren bekamen. Es war Montagabend und scheinbar der Tag, an dem keine Live-Salsa-Shows stattfinden, das wurde uns zumindest glaubhaft versichert. Maurus und ich zeichnen uns irgendwie durch „falsche Zeit, falscher Ort“ aus, dennoch nehmen wir überall mit was wir können, und im Vergleich zum Rekord, der im Mai 2005 aufgestellt wurde, sind wir eigentlich völlig ohne Zeitnot unterwegs: Diese verrückten Deutschen sind in 15 Tagen 11 Stunden und 25 Minuten von Alaska bis nach Feuerland gedüst.

Bevor wir das wunderschöne und unglaublich hilfsbereite Kolumbien wieder verlassen haben, sind wir in eine regelrechte Märchenwelt eingetaucht, so kam sie mir zumindest vor. Um nicht in Pasto zu übernachten, sind wir pünktlich bei Sonnenuntergang am Aussichtspunkt über die Laguna La Cocha angekommen und trauten unseren Augen kaum: Ein fantastisches Lichtspektakel! Damit aber nicht genug, als wir unten im Fischerdorf ankamen, stand da ein buntes Hexen-Häuschem nach dem anderen, die einen konnte man gar nur durch eine gewundene Brücke über den Fluss erreichen. Ich hatte das Gefühl in eine Zauberwelt eingetaucht zu sein, ein bisschen wie Europapark im November, aber ohne verrückten Bahnen und kleiner feiner, aber genauso kalt. Von der Töffli-Gang, die uns für ihre neue Tourismus-Aktion ablichtete (mit Helm und Daumen gegen Himmel), liessen wir uns ein knarrendes Hostal empfehlen, was sich bewährte: Die zurückhaltend lächelnde Besitzerin hat uns die wohl besten Forellen im Dorf, nein in Kolumbien!, aufgetischt. Kurz vor dem Schmaus fanden wir zudem heraus, dass wir nicht die einzigen Besucher in diesem herzigen Dörfli waren. Silvan und Priska waren auch da, sowohl in derselben Unterkunft als auch aus der Schweiz. So verbrachten wir einen lustigen Abend mit wärmenden Himbeer-Aguardiente und Kartenspiel.

Auch wenn es ein bisschen fies ist, möchte ich diese Begebenheit am nächsten Morgen kurz erzählen, Maurus wird’s mir verzeihen: Zerknittert standen wir am nächsten Morgen auf, das Bett war nicht das Bequemste, was wir je hatten. Um dem Tag so richtig hallo zu sagen, trat Maurus auf dem kleinen Balkon nach draussen und schlug sich prompt den Kopf am Türrahmen an. Vor Schreck fiel er rücklings auf den Boden und ich entdeckte ihn wie einen Käfer, fluchend. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert und wir gesellten uns nach unten in die gute Stube. Das Haus war definitiv nicht für grosse Europäer gemacht und somit schlug sich Maurus, der sich darauf trainiert hat zu kucken wohin er läuft, (nochmals) den Kopf am Dach an, als wir in den Frühstücksraum übersiedelten. Diesmal allerdings trug er eine Schramme auf seiner hohen Stirn davon. Die geräucherte Forelle tat ihr bestes und liess uns dennoch gut gelaunt zur Grenze nach Ecuador fahren. Bevor wir diese passierten, fuhren wir jedoch bei Ipiales zum Santuario de la Virgen del Rosario de Las Lajas (copy paste). Diese Kathedrale wurde in eine Schlucht gebaut und innen drin sieht man die Felswand. Ziemlich eindrücklich und von der Pilger-Stimmung vergleichbar mit dem Kloster Einsiedeln.

Während wir unseren mitgebrachten Forellen-Lunch auf einer Bank in Mitten von eben diesen Pilgern verzehrten, wurde Eddie mal wieder gewaschen, mit nur zwei Liter Wasser, aber dennoch glänzend, unser Prachtstück. Gestärkt machten wir uns auf den Weg um die Grenze nach Ecuador nun endlich definitiv zu passieren. Dieser Übergang stellte sich als äusserst einfach und gar kostenlos heraus, wenn auch zeitintensiv da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde. Und es gab nur zwei, inklusiv dem neuen. Also beobachteten wir diejenigen Ecuadorianer, die rausgefischt wurden um ihre in Kolumbien gekauften Waschmaschinen und Flatscreens zu verzollen – und darüber keinesfalls glücklich waren. Kurz vor Sonnenuntergang war der ganze Papier- und zum ersten Mal gar Computerkram erledigt und wir durften einreisen.

Ciao Adios Bye

Flavia