18. November 2011

Quasi Transit


Meine Lieben

Mittlerweile sind wir in der peruanischen Wüste angekommen, bereits seit über einer Woche - ja, es gibt viel zu erzählen, aber eins nach dem anderen. Der Weg hierhin war auf jeden Fall alles andere als wüst: Nachdem wir nördlich von Cartagena vergeblich nach einem hidden Kitespot gesucht und nebenbei eine weitere Seite von Kolumbien entdeckt haben, sind wir am nächsten Morgen nach fünf Tagen in der abwechslungsreichen und farbenfrohen Kolonialstadt weitergezogen, in Richtung Süden mit dem Ziel Medellín. Vorbei an atemberaubenden, saftig satten Landschaften. Unzählige, bunte Häuschen zierten die Berg- und Talfahrt, und praktisch vor jedem konnten wir einen Augenblick Leben beobachten: Spielende Kinder, knurrende Hunde, Wäsche aufhängende Mamas, rauchende Herren... Am liebsten hätte ich mich dazugesellt. Aber irgendwie geht das ja auch nicht, nicht weil ich nicht mehr rauche, sondern weil ich’s als unhöflich und aufdringlich empfinde – typisch schweizerisch noch immer. Aber ich find das ist, wie wenn man in Schwamendingen an beliebige Türe klopft um Einblick in ein Arbeiterleben zu erhalten. So habe ich mich mit dem Versuch vergnügt, diese Momentaufnahmen mit dem Fotoapparat festzuhalten. Gar kein einfaches Unterfangen und mit Enttäuschung musste ich vor allem unscharfe Bilder in Kauf nehmen. Unterhaltsam war’s trotzdem und ich war froh, sass Maurus am Steuer. So konnte ich einerseits meine volle Aufmerksamkeit der Umgebung widmen und anderseits war das Fahren anspruchsvoll und nicht selten wurde ich im breiten, bequemen Eddie-Sitz von links nach rechts geschleudert. Seit unserem Auffahrunfall in Costa Rica bin ich zudem viel schreckhafter und so musste Maurus aufpassen, dass er sich durch mein Gekreische nicht ablenken liess und ins Tobel fuhr. Spannend war auch die Autowaschstrasse: In dieser Gegend scheint wegen dem grossen Fluss kein Wassermangel zu herrschen und so liegt alle paar Meter ein Schlauch kopfüber, der mit hohem Druck einen grossen Wasserstrahl in die Höhe befördert. Zwischendurch sahen wir Menschen an der Arbeit, aber verglichen mit der Anzahl Schläuche, wurden wenige Gefährte gewaschen und das Geschäft schien nicht so zu blühen wie die Landschaft, die sich uns in ihrer vollen Pracht zeigte. Wir waren hin und weg und uns einig, dass dies wohl die schönste Fahrt bis anhin war.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Valdivia, wo wir mit vielen Lastwagenfahrern das Hotel teilten. Der Ort versprach eine perfekte Aussicht auf das fantastische Tal bei Tageslicht. Leider erwartete uns am nächsten Morgen eine dicke Nebeldecke, die alles düster und beinah unheimlich scheinen liess. Die Menschen um uns herum waren jedoch so herzlich und freundlich (wie übrigens überall in Kolumbien), dass sich dieses Gefühl schnell verflüchtigte. Genauso wie der Nebel. Zum Vorschein kamen erneut die schönsten Naturbilder und gegen Mittag dann auch die für uns typischen Bachsteinhäuser von Medellín. Im Barrio Poblado  resp. in der Touristen und Party Zona Rosa stellten wir Eddie für teures Geld ab. Mitten im Geschehen suchten wir uns ein Hotel aus, schliesslich war Halloween-Freitag! Von der neuen Strassenbahn liessen wir uns ebenso stolz wie alle mitfahrenden Kolumbianer ins Zentrum fahren, wo wir uns rumwatschelnd einen Eindruck machten, von den vielen extra für Halloween verkleideten Orten und Menschen. Inspiriert kauften wir uns Masken und Perücken. Zurück in der Zona Rosa stillten wir direkt unseren Hunger um dann erschöpft ins Hotel zu kehren, mit dem Ziel uns aufzubrezeln. Unsere Flipflops und Maurus’ kurze Hose waren nämlich bereits während des Abendessens nicht wirklich auf Anklang gestossen. Allerdings sind wir eingenickt und wurden erst mitten in der Nacht durch johlende Partywillige im Regenschauer geweckt. Raus oder nicht? Umdrehen und weiterschlafen, schliesslich erwartete uns Bogotàs Nachtleben am nächsten Tag! Das dachten wir zumindest. Und waren davon nach wie vor überzeugt, als wir mal wieder in der Dunkelheit – die Pause im grünen Canoning Park hat länger gedauert als geplant - von verschiedenen Hostals abgewiesen wurden, weil sie bereits voll waren. Also quartierten wir uns erneut in einer richtig schönen Bleibe ein, mit kuscheligen Decken und heisser Dusche. Ramon, der clevere Architekturstudent an der Rezeption, klärte uns sogleich nicht nur über das schwierige Bildungssystem von Kolumbien auf (Schule ist nicht obligatorisch und studieren massiv teuer), sondern auch über die laufenden Bürgermeisterwahlen. Zwar hatten wir überall die Alcalde-Plakate gesehen, jedoch war uns nicht bewusst, dass deshalb das ganze Wochenende ein Alkoholverbot herrschte und demnach keine offiziellen Partys stattfinden und Bars ebenso geschlossen bleiben. Ein nettes Abendessen fanden wir trotzdem. Bei Zeiten ins warme Bett kriechen – Bogotà ist nämlich so richtig kalt auf 2600 Höhenmeter - und ein gutes Buch lesen, ist doch auch Luxus. Ebenso wie Ausschlafen on Sunday Morning und danach einfach losziehen und einen Sonntagsausflug auf die Cerro de Montserrat unternehmen, erst noch mit Smiley Ballon, ein bisschen wie Geburtstag sozusagen. Die Aussicht auf die acht Millionen Hauptstadt war grandios und aus lauter Euphorie kaufte Maurus Coca-Blätter, die schrecklich schmecken und null Wirkung zeigen. Trotzdem inspiriert, liessen wir uns von einem überaus netten Taxifahrer in eine weitere Kolonialgegend fahren, die uns Ramon empfohlen hatte. Eine Sonntagsgegend quasi und wir waren erstaunt über das massive Einkaufszentrum, was mitten drin prangte. Natürlich wissen wir von den krassen Gegensätzen und haben diese vielerorts auch schon angetroffen, dennoch find ich es immer wieder überraschend und fast bisserl befremdend. Somit verweilten wir nicht lange und fuhren zurück in die Altstadt um den Abend ausklingen zu lassen - und uns auf der zauberhaft beleuchteten Plaza de Bolivar von einem zahnlosen Alten geschickt ein paar kolumbianische Pesos abknöpfen zu lassen.

Am nächsten Morgen fuhren wir bei herbstlichem Sonnenschein weiter nach Cali. Das erste Stück des Weges führte uns an vielen Häusern mit Swimming Pool vorbei, was mich wiederum verwunderte – jaja, ich bin blauäugig oder meine Erwartungen sind falsch. Genauso wenig wie alle Kolumbianer arm oder Drogendealer sind, sind wir Weisshäutigen Gringos – und trotzdem wurde uns in Cartagena an jeder Ecke irgendwelcher Stoff angeboten und wir werden mittlerweile ständig als solche betitelt. Nun, das Highlight dieser Strecke war auf jeden Fall der Moment, als wir über den Wolken waren und die Freiheit definitiv grenzenlos war...

Im Gegensatz zu den vielen Graffitis in Bogotà empfingen uns in Cali unzähligen Baustellen. Dabei steht Cali eigentlich für die Kraft der Musik resp. Salsa, welche wir leider nicht zu spüren bekamen. Es war Montagabend und scheinbar der Tag, an dem keine Live-Salsa-Shows stattfinden, das wurde uns zumindest glaubhaft versichert. Maurus und ich zeichnen uns irgendwie durch „falsche Zeit, falscher Ort“ aus, dennoch nehmen wir überall mit was wir können, und im Vergleich zum Rekord, der im Mai 2005 aufgestellt wurde, sind wir eigentlich völlig ohne Zeitnot unterwegs: Diese verrückten Deutschen sind in 15 Tagen 11 Stunden und 25 Minuten von Alaska bis nach Feuerland gedüst.

Bevor wir das wunderschöne und unglaublich hilfsbereite Kolumbien wieder verlassen haben, sind wir in eine regelrechte Märchenwelt eingetaucht, so kam sie mir zumindest vor. Um nicht in Pasto zu übernachten, sind wir pünktlich bei Sonnenuntergang am Aussichtspunkt über die Laguna La Cocha angekommen und trauten unseren Augen kaum: Ein fantastisches Lichtspektakel! Damit aber nicht genug, als wir unten im Fischerdorf ankamen, stand da ein buntes Hexen-Häuschem nach dem anderen, die einen konnte man gar nur durch eine gewundene Brücke über den Fluss erreichen. Ich hatte das Gefühl in eine Zauberwelt eingetaucht zu sein, ein bisschen wie Europapark im November, aber ohne verrückten Bahnen und kleiner feiner, aber genauso kalt. Von der Töffli-Gang, die uns für ihre neue Tourismus-Aktion ablichtete (mit Helm und Daumen gegen Himmel), liessen wir uns ein knarrendes Hostal empfehlen, was sich bewährte: Die zurückhaltend lächelnde Besitzerin hat uns die wohl besten Forellen im Dorf, nein in Kolumbien!, aufgetischt. Kurz vor dem Schmaus fanden wir zudem heraus, dass wir nicht die einzigen Besucher in diesem herzigen Dörfli waren. Silvan und Priska waren auch da, sowohl in derselben Unterkunft als auch aus der Schweiz. So verbrachten wir einen lustigen Abend mit wärmenden Himbeer-Aguardiente und Kartenspiel.

Auch wenn es ein bisschen fies ist, möchte ich diese Begebenheit am nächsten Morgen kurz erzählen, Maurus wird’s mir verzeihen: Zerknittert standen wir am nächsten Morgen auf, das Bett war nicht das Bequemste, was wir je hatten. Um dem Tag so richtig hallo zu sagen, trat Maurus auf dem kleinen Balkon nach draussen und schlug sich prompt den Kopf am Türrahmen an. Vor Schreck fiel er rücklings auf den Boden und ich entdeckte ihn wie einen Käfer, fluchend. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert und wir gesellten uns nach unten in die gute Stube. Das Haus war definitiv nicht für grosse Europäer gemacht und somit schlug sich Maurus, der sich darauf trainiert hat zu kucken wohin er läuft, (nochmals) den Kopf am Dach an, als wir in den Frühstücksraum übersiedelten. Diesmal allerdings trug er eine Schramme auf seiner hohen Stirn davon. Die geräucherte Forelle tat ihr bestes und liess uns dennoch gut gelaunt zur Grenze nach Ecuador fahren. Bevor wir diese passierten, fuhren wir jedoch bei Ipiales zum Santuario de la Virgen del Rosario de Las Lajas (copy paste). Diese Kathedrale wurde in eine Schlucht gebaut und innen drin sieht man die Felswand. Ziemlich eindrücklich und von der Pilger-Stimmung vergleichbar mit dem Kloster Einsiedeln.

Während wir unseren mitgebrachten Forellen-Lunch auf einer Bank in Mitten von eben diesen Pilgern verzehrten, wurde Eddie mal wieder gewaschen, mit nur zwei Liter Wasser, aber dennoch glänzend, unser Prachtstück. Gestärkt machten wir uns auf den Weg um die Grenze nach Ecuador nun endlich definitiv zu passieren. Dieser Übergang stellte sich als äusserst einfach und gar kostenlos heraus, wenn auch zeitintensiv da gerade ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet wurde. Und es gab nur zwei, inklusiv dem neuen. Also beobachteten wir diejenigen Ecuadorianer, die rausgefischt wurden um ihre in Kolumbien gekauften Waschmaschinen und Flatscreens zu verzollen – und darüber keinesfalls glücklich waren. Kurz vor Sonnenuntergang war der ganze Papier- und zum ersten Mal gar Computerkram erledigt und wir durften einreisen.

Ciao Adios Bye

Flavia

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