Meine Lieben
Das Abenteuer „Eddie verschiffen“ ist noch nicht fertig, resp. grad im vollen Gange. Maurus ist in komplizierter Mission unterwegs während ich im Sicherheitstrakt mit netter Aufsicht schreibe (da wir beide nur Flipflops tragen, darf zu unserem resp. im konkreten Fall meinem Schutz nur jemand in die Hafengegend rein) um die Zeit zu nutzen. Seit dem letzten Eintrag ist ja doch einiges passiert. Unter anderem habe ich 30 Jahre komplettiert, wie man auf Spanisch sagt (cumpleanos). Allerdings nicht mit brausendem Fest wie ich mir dies seit Jahren vorstelle, habe den Tag ja extra auf einen Freitag gelegt. Aber eben, auf Reisen geschieht vieles unerwartet und Flexibilität ist gefragt. So wollten wir also am Donnerstag Eddie in den Container sperren. Alfredo von Barwil gab hilfsbereit alles, jedoch gab es irgendwelche Schwierigkeiten, wodurch wir am nächsten Morgen zurückkehren mussten, und zwar um 8.00 Uhr. Also ging’s im Anbruch der Dunkelheit nach Portobelo, woher die meisten Segeltouristenschiffe nach Panama loslegen und wir wenigstens unsere Überfahrt nach Kolumbien organisieren wollten. Schlussendlich landeten wir bei Captain Jack, dessen Gehilfe Steve uns wissen liess, dass das nächste Schiff erst am Montagmorgen startet. What?? Ich wollte doch auf offener See älter werden! Da Jack mit seinem langjährigen Israelisegelgefährten Vunsh einen Trip zu den San Blas Inseln plante, überredete ich ihn charmant, doch die Rundfahrt ein bisschen zu verlängern und noch kurz nach Kolumbien zu segeln. Zusage! Maurus und ich konnten unser Glück kaum fassen, denn Captain Jack versprach noch mehr Abenteuer, eine gute Küche und alles quasi privat. Am nächsten Morgen standen wir schlaftrunken um 6.00 Uhr auf um rechtzeitig in Colòn zu erscheinen, bei wärmsten Sonnenschein. Die ganze Geschichte sollte nicht länger als zwei Stunden dauern, natürlich aber verbrachten wir den gesamten Vormittag am Hafen und waren erstaunt: Für jede einzelne Handlung ist jemand anderes verantwortlich. Einer kam einzig um das Schloss zu bringen und es am Ende zu schliessen. Arbeitsteilung nennt man das, oder? Da wir uns keine Zeit für ein richtiges Frühstück genommen hatten, knurrte der Magen entsprechend und wir besorgten uns Comida para llevar um uns im Chickenbus zu verköstigen. Danach holte uns der latente Schlafmangel der vergangenen Wochen ein und wir dösten rumpelnd, obwohl die Fahrt höchst unbequem war und nur ein bisschen mehr als eine Stunde dauerte. Durch Regenschauer liefen wir zu Captain Jack hoch und gönnten uns ein zweites Mittagessen. Heitere Stimmung bis wir erfuhren, dass der Motor von Fantasy (dieses Schiff wurde ursprünglich für eine amerikanische TV-Show konstruiert) soeben kaputt ging und dieser sich nicht so schnell reparieren liesse. Somit doch keine Feier auf hoher See. Die Dorms bei Captain Jack waren zwar vernünftig, aber nicht für diesen lang erwarteten Anlass meines 30igsten geeignet. Wir liessen uns zu einem der wenigen Hotels chauffieren, das schmucke Einzelzimmer versprach und einhielt. Im hauseignen Restaurant bestellten wir kurz darauf einen Apéro mit Sonnenuntergang, als einzige Gäste überhaupt. Kaum beim Abendessen angelangt, wurde es dunkel, sehr dunkel! Zack, alle Lichter gingen aus, nicht nur bei uns sondern überall in Portobelo. Als irgendwann klar war, dass der Elektrizitäts-Ausfall andauern wird, erhielten wir romantisches Kerzenlicht. Und so kam es, dass ich an meinem 30. Geburtstag um 20.30 Uhr im Bett lag und erschöpft aber zufrieden einschlief.
Es standen uns also zwei Tage Portobelo bevor, was ein kleiner Hafen ist und nicht wirklich schön – was der Name ja eigentlich voraussetzt. Interessant war es aber dennoch. Erstens fand bald das Fest des „Cristo Negro“ statt, wodurch bereits viele nationale Fromme den Weg nach Portobelo fanden um sich einen Platz zu sichern. Zweitens ist die Karibikküste doch anders: Die Menschen hier sind viel dunkler und haben alle definitiv den Afrikanischen Einfluss. Zudem ist alles viel schmutziger, das Bewusstsein für Entsorgung ist hier noch gar nicht angekommen. Es wird einfach alles da weggeschmissen, wo man gerade konsumiert hat. Zurück im Hostal trauten wir unseren Augen nicht, da stand er wahrhaftig und tatsächlich vor uns: Captain Jack Sparrow in Person (nicht der Captain Jack, den das Hostal gehört, zwei Captain Jacks an einem Ort also). Einer solchen Ausführung sind wir zwar bereits an der Calle Uruguay in Panama-City begegnet, aber gesprochen hatten wir mit dem Jonny Depp Double nicht. Und diese Version aka Jorge wollte mit Maurus Schach spielen. Zwei Mal hat der Verkleidete Maurus souverän Matt gesetzt, definitiv kein Beginner und nicht zu unterschätzen. Ein unterhaltsamer Abend folgte, an dem Jorge plus seine Begleitung Yadira uns ein bisschen aus ihrem Leben in Panama-City erzählten. Am nächsten Morgen war Yadira jedoch verschwunden, mit ihrem „Freund“ durchgebrannt, hiess es. Niedergeschlagen liess uns Jorge wissen, dass der Tag für ein Fotoshooting auf den Hafenmauern vorgesehen war und wer machte denn nun Bilder von ihm? Alle natürlich! Aber nicht mit seiner Kamera und so brachen wir auf um Captain Jack Sparrow (wehe jemand sprach ihn nicht mit seinem ganzen Namen an!) in Portobelo festzuhalten. Wie lustig, insbesondere auch, weil alle dachten, wir hätten ihn engagiert dabei war es genau umgekehrt. Ein freches aber aufgewecktes Mädchen schrie mir gar geradeaus ins Gesicht: „Gringa!“. Das war nicht böse gemeint, aber das erste Mal, dass wir so direkt damit konfrontiert werden. Natürlich liess ich es mir nicht nehmen, die kleine Pippi Langstrumpf in dunkel aufzuklären, dass ich aus der Schweiz bin, was sie hellhörig aufnahm und die hohle Hand wieder einsteckte.
Am späteren Nachmittag war Zeit aufzubrechen, nach Puerto Lindo. Da erwartete uns Captain Rengin und Segelschiff Alice, unser Heim für die nächsten fünf Tage sowie unsere Sputniks, was übrigens Reisegefährte bedeutet. Check-In sollte bereits am Sonntagabend stattfinden, da wir am Montagmorgen um 6.00 Uhr losfahren wollten. Sollten und wollten und wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, dann wäre mein Papa nicht nur Millionär, sondern wir hätten nun auch bereits Eddie wieder. Aber das dauert wohl noch ein Weilchen und meine Geduld wird trainiert. Es hat ja immer alles auch eine gute Seite, na?
Ciao Adios Bye
Flavia
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