9. Dezember 2011

La Paz - Copacabana - Oruro

Meine Lieben

Nochmals von vorne: Die haben mich also tatsächlich reingelassen in Bolivien, obwohl ich mit meinen rot verquollenen Augen sehr verdächtig aussah. Zudem wurde mir bei der Ankunft in La Paz sogleich ein bisschen schwindelig. Einerseits befand ich mich auf über 3600 Höhenmeter, anderseits war die Einfahrt in die Hauptstadt mit dem Minibus sehr eindrucksvoll: Entlang des steilen Abhangs des Tals, worin sich La Paz befindet, schmieden sich kupfern farbige Häuser, die in der Abendsonne glänzten und aussehen als würden sie sogleich runterfallen. Das taten sie natürlich nicht, aber ich fühlte mich willkommen geheissen und dazu aufgefordert, alles in Ruhe anzugehen.

Über meine Tage in La Paz und Copacabana werde ich mich kurz halten, da es meine persönliche Leidenszeit war und ich diese bereits ausreichend ausgeschlachtet habe. Mittlerweile ist meine kleine Welt zum Glück wieder in Ordnung und ich geniesse meine eigene Gesellschaft. Viel mehr möchte ich ein paar wenige Worte zu Bolivien verlieren. Bolivien ist mit 60% das Land, mit dem grössten Anteil an indigenen Einwohnern. Dies lässt sich auch sogleich erkennen: Überall sah ich rotpfausbäckige Frauen mit beneidenswert dicken, schwarzen Zöpfen. Diese werden hinter dem Rücken an den Enden durch dunkle Zotteln zusammengebunden. Obendrauf kommt eine Art Zylinderhut in dunklen Farben, der wie durch Geisterhand immer locker auf dem Kopf sitzt, ohne befestigt zu sein. Ich weiss dies, weil ich beobachtet habe, wie die Frauen den Hut kurz abnehmen, wenn sie zum Beispiel in ein Auto steigen und sich dazu bücken müssen oder wenn sie am Handy sind und sich nachdenklich am Kopf kratzen. Fasziniert haben mich aber vor allem die Faltenröcke. Diese verleihen jeder Frau einen dicken Hintern. Unter uns Reisenden waren dies ein Thema, resp. wir fragten uns, wie grosse die Hinterteile in Wirklichkeit tatsächlich sind. Diese Faltenröcke sind aus Unmengen von Stoff gemacht und meist sind es nicht nur unzählige Falten sondern auch viele Stufen. Man kann sich das Ganze ein bisschen wie einen Tannenbaum vorstellen, eigentlich sogar wie ein Weihnachtsbaum. Bei mir herrschte also doch auch ein bisschen Adventsstimmung, denn oft sind die Röcke aus glitzerndem und glänzendem Material hergestellt. Ich hab sogar welche aus Plastik gesehen, was ganz praktisch ist, da sich die Damen überall hinsetzen, wo sie grad Lust zu haben. So sieht man an allen unmöglichen Orten ein paar Frauen am Boden kauern, sich selbst oder ihre Kinder fütternd. Viele sitzen auch in einem der unzähligen Souvenir-Shops und bieten ihre bunte Ware feil, inkl. Alpaca-Föten. Diese Dinger sind gruselig und werden scheinbar an Pachamama geopfert, an unsere Mutter Erde. In den Strassen von La Paz dienen sie jedoch wohl eher als Touristen-Attraktion und werden kaum gekauft, but who knows...

Kurz erwähnenswert ist meine Fahrt nach Copacabana. Diese dauerte doppelt so lange wie angekündigt - und ich hätte da bereits tscheggen müssen... dazu aber später mehr - weil unser Bus plötzlich von der Strasse abkam und Umwege über Stock und Stein fuhr, bis er stecken blieb. Wenig später mussten wir (nur Touristen) aussteigen und den Bus anschieben damit wir weiter fahren konnten. Ich fand das natürlich aufregend! Irgendwann erfuhren wir auch, weshalb der Bus in der Wildnis war: Wegen Nord-Süd-Territoriums-Besitz-Verteilung (so habe ich dies zumindest verstanden) gab es Proteste. Diese zeichneten sich durch grosse Steine auf den Strassen aus oder Feuer auf Brücken, die dann eben den Verkehr unterbrachen. Ob die ganzen Aktionen erfolgreich sind und Veränderung bewirken, habe ich leider nicht rausgefunden.

Copacabana gibt es übrigens zwei Mal: Das eine ist das „Bikini-Copacabana“ und das andere das „Zwiebelschicht-Copacabana“. Zwei Mal raten in welchem ich war? Auf jeden Fall war ich froh, hatte ich mich in La Paz mit Stulpen, Mütze und North Face Jacke aus Korea warm eingedeckt. Zwischen zwei Hügel am Titicacasee, wo sich das meine Copa befand, war der Ausflug auf die Isla del Sol mein Highlight. Die Aussicht, die sich auf dieser Insel erbot, war schlichtweg atemberaubend. Und auch der Austausch mit Jonas und insbesondere Ria aus St. Gallen war interessant: Ihr war es in Lobitos nämlich auch langweilig - genauso wie Fabiola, nebenbei bemerkt.
Ach und klar, dem Zusammentreffen mit Timo, einem ehemaligen Arbeitskollegen, gehören ein paar Zeilen gewidmet: Er hat gemeinsam mit Lisa, seiner Reisegefährtin, gerade mal eine knappe Stunde in Copa verbracht und just in dieser Zeit hielten wir uns am selben Ort auf und trafen aufeinander. Wenn das kein Zufall ist? Mich hat es gefreut!

Insgesamt bin ich bekanntlich ziemlich planlos unterwegs und gehe meiner Nase nach. Was ich aber von Beginn an wusste: Ich will zum Salar (Salzwüste) de Uyuni! Und zwar mit dem Zug, der nur dienstags und freitags fährt. Scheinbar bietet dieser ein spezielles Erlebnis und fährt jeweils nachmittags von Oruro ab, wodurch man also auch die Landschaft geniessen kann. Oruro tönt Horror, oder? Das war es für mich auch: Ich kam nach einer Tagesreise abends an und machte mich neugierig auf die Suche nach einem leckeren Restaurant. Auch in der Hoffnung, andere Reisende zu finden, welche dieselbe glorreiche Idee hatten wie ich. Abendessen fand ich, aber weit und breit kein anderes Touristengesicht, dafür unglaublich viel Leben auf der Strasse. Richtig auf der Strasse, denn um Verkehrsregeln kümmert sich in Bolivien niemand – abgesehen von den als Zebra verkleideten Menschen, die insbesondere in La Paz, lustig auf das Anhalten bei Rotlicht sensibilisieren. Also diesen Job täte ich als Zwischenlösung auch machen – any suggestions?! Nachdem ich an dem Abend zwei Mal doof angemacht wurde, ging ich bei Zeiten ins Bett. Schliesslich wollte ich am nächsten Morgen pünktlich am Ticketschalter sein um einen dieser begehrten Zugsplätze zu ergattern. Das war ich dann auch, allerdings vergeblich. Ich hätte gerne mein Gesicht gesehen, als mir der unfreundliche Beamte kund tat, dass erst am Sonntag wieder ein Zug startet. Was ich leider nicht kalkuliert hatte: Auch auf Schienen kann man Steine deponieren.

Zu meiner Enttäuschung fuhr erst abends um 21.00 Uhr ein Bus nach Uyuni. Dadurch musste ich einen Tag in diesem Oruro verbringen, einsam und verlassen. Wobei ganz alleine war ich nicht: Im Internetcafé fand ich Unterstützung durch verschiedene Freunde zu Hause (danke euch!). Und da war auch Vladimir, der Handy-Bastler. In seinem Laden fotografierte ich die Smiley-Bälle in den Vitrinen. Er bemerkte wohl, dass ich mich langweilte. Auch gefiel ihm meine Herkunft. Sein Vater und seine Schwester leben in Lausanne. Sein Vater musste vor 38 Jahren wegen seiner politischen Ansicht fliehen und kam nie zurück, die Schwester nahm er mit. Wenn ich mich nicht täusche, versteckte Vladimir genauso wie ich ein paar Tränen und das verband...

Positiv überrascht fand ich schlussendlich gar ein einladendes Restaurant und obwohl ich zwischendurch nicht daran glaubte, verging die Zeit und ich machte mich auf den Weg zum Bus Terminal. Zum meinem Erstaunen stand da gar eine andere Reisende: Yumi fuhr zusammen mit mir nach Uyuni!

Ciao Adios Bye

Flavia

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